Die Katzenübergabe

oder „die besten Geschichten schreibt doch das Leben“ – da nicht mehr so viele Verrückte durch meine Rezeption wandern, muss ich jetzt nachmittags auf die Suche nach ihnen gehen, sonst steht ja demnächst nichts mehr in meinem Blog.

Neulich abends bekam ich ein Katzenbaby aufgedrückt, das ich, wie ich nach der ersten Schrecksekunde erfuhr, nur einer Amerikanerin auf der anderen Seite der Insel übergeben müsse. Also keine weiteren Verpflichtungen, ich durfte erleichtert aufatmen.

Da ich aber den nächsten Tag mit einer üblen Magen-Darm-Geschichte im Bett lag – ihr erinnert euch, als mein Kollege den Chef beklaute -, musste ich leider den ersten Übergabetermin platzen lassen. Alle weiteren Versuche, einen Termin zu vereinbaren, scheiterten vorerst an der Tatsache, dass ich wohl zur seltenen Spezies der Menschen gehöre, die vormittags arbeiten und diese Dame noch seltener mit Menschen dieser Gattung zu tun hat, so dass sie einfach nicht in der Lage war zu verstehen, trotz zahlreicher erläuternder SMS, dass ich vormittags keine Zeit habe. Also ließ ich es erst einfach mal ruhen – das Katzenbaby war ja bei Lydia in guten Händen – und startete Montag einen neuen Versuch. Und siehe da, die Dame hatte am Dienstag sogar nachmittags Zeit! Aber wenn ich dachte, das war die schwierigste Hürde, dann hatte ich mich getäuscht.

Wir machten uns also zur verabredeten Zeit auf den Weg und ich sollte sie anrufen, sobald ich eine gewisse Tankstelle erreicht hatte. Aus dem Süden kommend tat ich dies also, vorausdenkend, bereits vor Erreichen der Tankstelle. Sie dirigierte mich also „nach der Tankstelle auf der rechten Seite“ hier hin und dort hin.

Ich: „du meinst, die Tankstelle XY? Ich komme von Süden, also ist sie für mich auf der linken Seite“
Sie: „nein, wenn du von oben den Berg runter fährst ist die Tankstelle rechts“
Ich: „ICH KOMME ABER VON SÜDEN, bin bereits durch die Ortschaft durch, und der Berg geht für mich NACH OBEN“
Sie: „dann bist du aber schon zu weit gefahren, die Tankstelle ist rechts“
Ich: „ICH WEISS WO DIE TANKSTELLE IST“ (verdammt noch mal!!!), „ ICH KOMME AUS DEM SÜDEN“ (Drios, Aliki, verstehst?) !!!!!

Nun gut, mittlerweile hatte ich natürlich schon längst die Tankstelle erreicht. Also wieder zurück, denn aus meiner Richtung gesehen musste ich davor abbiegen. Schnell spulte sie die weitere Beschreibung ab, Kirche nach 500 Metern, dann links–rechts und das dritte Haus links, sehr großes Haus. Sie würde nach draußen kommen und uns winken. Nicht so schwer eigentlich. Dachte ich.

Da ich allgemein sowohl ortskundig bin als auch sonst keine Orientierungsstörungen habe, habe ich den Weg rasch gefunden, nur welches genau das 3. Haus war, war mir nicht wirklich klar (gehörte das halb verfallen Bauernhaus dazu, oder wurde das nicht mitgezählt?), denn es kam auch niemand raus, um uns abzufangen… trotz mehrmaligen Hupens und obwohl wir etwa 4x am vermeintlichen Haus vorbei fuhren. Die gute Dame ging auch nicht ans Telefon, so dass ich irgendwann völlig entnervt zur Tankstelle zurückfuhr und tankte, in der Hoffnung, ich könne dort fragen; ganz sicher würden die wissen, wo hier eine (verrückte, da stand meine Meinung schon fest) Amerikanerin hauste.

Dem Grinsen des Tankwarts nach zu urteilen wusste er auch viel mehr, als ich jemals erfahren möchte. Er erklärte uns auch das genaue Haus und zwar war es das, wo wir schon 20min lang dran vorbei gefahren waren. In dem Moment rief sie auch endlich an – sie hätte die Katzen gefüttert und uns nicht gehört. Seltsam, dabei sollten wir doch 2 Minuten nach dem Telefonat aufschlagen und von ihr empfangen werden. Wie kann da jemand plötzlich 20min lang Katzen füttern und uns vergessen? Ich war mittlerweile schwer genervt angesichts des Dauerfiepens der kleinen Katze, die ganz offensichtlich äußerst ungern Auto fuhr. Lydia gab ja auch noch dauernd ihren Senf dazu (und ihrer Meinung über die „blöde Kuh“ lautstark Stimme).

Bei der Ankunft also musste ich mir ganz schwer Mühe geben, nicht ärgerlich zu erscheinen, denn immerhin nahm sie ja eine Katze auf, die wahrscheinlich sonst an mir hängen geblieben wäre. Also Klappe halten, höflich sein und durch. Da ich danach noch eine Verabredung in der Ortschaft hatte, zu der ich bereits mindestens 20min zu spät kommen würde, wollte ich es auch noch schnell hinter mich bringen.

Hier ein kurzer Ausschnitt unseres Dialogs nach Ankunft:

Sie: „schön, ich freue mich, das wäre jetzt also Katze Nummer 22“ (das war nicht ironisch gemeint)

Womit sie anfing, uns jede Katze persönlich vorzustellen, na das konnte ja dauern.

Ich: „was machst du denn mit ihnen, wenn du mal wegfährst?“
Sie: „ach, das lasse ich einfach auf mich zukommen und entscheide es dann, wenn es soweit ist. Lasst mich euch mal zeigen, wo die Katzen leben.“
Auf dem Weg: „Das ist ein großer Akt der Liebe, den ihr vollführt, das finde ich ganz toll von euch.“

Da werde ich dran denken, wenn ich nächstes Mal wieder eine aus dem Müll gefischte Katze an den Mann zu bringen habe – das wird als Akt der Liebe verkauft! Kommt bestimmt viel besser an!

Wir kamen also an ihrer Hausseite an, wo eine Art Futterplatz war und es ziemlich stank.

Sie: „komisch, die Katzen laufen alle vor euch weg.“

Fand ich ja jetzt irgendwie ganz normal, die Katzen. Die meisten sind einfach geblieben, wo sie waren und andere gingen einfach etwas weiter weg und schauten aus sicherer Entfernung zu.

Wieder sie: „dieser Kater ist gerade kastriert worden, und jene Katze wird morgen kastriert…“

Bevor ich mir nun die Lebensgeschichte jeder Katze anhören musste, dachte ich, nix wie weg hier. Dann sprach sie Lydia an: „Möchtest du mir dein Katzenbaby vorstellen?“

Lydia hatte nur leere Sprechblasen über ihrem Kopf. Aber sie setzte die Katze ab, damit sie sich umschauen konnte.

Auf dem Weg zurück zum Auto sagte die Frau: „Wenn du eine Emailadresse hast, kann ich dir von ihr auch Fotos schicken“
Ich (leicht verwundert): „du hast doch meine Emailadresse“
Sie: „ich meine deine Tochter“
Ich: „meine Tochter hat noch keine eigene Emailadresse“ (sie ist grad 7 geworden, aber vielleicht ist das ja in Amerika anders…)

Ihr dürft das jetzt also auch meine nachmittägliche Suche nach Verrückten – oder sagen wir mal, mit mir nicht kompatiblen, denn das ist ja sicher Ansichtssache -, als Akt der Liebe ansehen. Habe ich jetzt einfach mal so spontan locker beschlossen.