Es ist, wie es ist.

Im Moment haben wir hier einfach nicht viel zu melden. Die Wirtschaftskrise hat uns fest im Griff, und wir wissen nicht, wie es ausgehen wird. Für alle, die sich ein Bild davon machen wollen, wie es hier wirklich ist, der möge diesen Artikel lesen:

http://www.stern.de/wirtschaft/news/griechenland-und-die-wirtschaftskrise-nichts-geht-mehr-1686878.html

Genau so ist es.

Ich möchte nur wissen, was die den Leuten bei der Selbstmordhotline erzählen. Mir fiele da nämlich nichts mehr ein.

“Ich liebe dieses Griechenland überall”

“Es trägt die Farbe meines Herzens”, sagt Friedrich Hölderlin.

Ich kann ihm nur zu Recht geben.

Griechenland riecht gut, Griechenland ist wunderschön, für die Inselketten am Horizont lebe ich.

Das Meer, die Farben, das Blau, Weiß und Rot. Das Licht.

Die Menschen, das Leben, die Lebensart. Das Essen, die Tomaten. Und so vieles mehr.

Für Kinder ist es ein Paradies, und ich würde mich freuen, wenn wir hier bleiben könnten. Was im Moment nicht mal so selbstverständlich zu sein scheint.

Panik am Morgen

Nach wirren Träumen – ich bin auf der Flucht – wache ich auf und mache einen Fehler: noch vor dem ersten Schluck Tee den Computer an. Als erstes lese ich von Kapitalabzug aus Griechenland aufgrund des unmittelbar bevorstehenden Staatsbankrotts. Polizisten bewachen Banken in Athen, da man Unruhen und panikartige Anstürme erwartet, weil das Geld eventuell eingefroren werden oder weg sein soll.

Horrorszenarien tun sich auf, noch vor dem ersten Tee, noch bevor Lydia aufgestanden ist. Ich denke an mein Portemonnaie, in dem sich nur 20 Euro befinden. Die Miete ist in drei Tagen fällig. Zum Glück ist der größte Teil meines Geldes in Deutschland, aber vielleicht sollte ich zumindest die Miete und etwas Geld für die nächsten Wochen abholen, wenn überhaupt noch möglich.

Schnell entfaltet sich vor meinem inneren Auge folgendes Bild: Kapitalabzug –> Konten eingefroren –> bewachte Banken –> Menschen in Panik –> kein Geld mehr im Umlauf –> Hamsterkäufe –> Versorgungsengpässe –> Unruhen –> Bürgerkrieg.

Inzwischen ist meine Tochter aufgestanden und ich versuche meine aufkeimende Panik im Zaume zu halten. Ich habe keinen Hunger, bereite aber Lydias Frühstück vor, schmiere um Fassung bemüht ihr Brot. Bloß ruhig bleiben, mir nichts anmerken lassen, bis ich sie zur Schule gebracht habe.

Ich tu die Butter zurück. Noch ist mein Kühlschrank voll. Die schlimmste Vorstellung: ich kann mein Kind nicht mehr versorgen. Plan B muss her. Wie weit komme ich mit meinem vollen Tank? Bestimmt nach Patras, um die Fähre nach Italien zu nehmen? Vielleicht sollte ich das Auto noch schnell zur Wartung bringen? Darf ich mit meinem Auto überhaupt nach Deutschland einreisen? Wo wir doch keinen TÜV haben? Wie viele passen in unser Auto? Kann ich die Hunde mitnehmen? Die sollten erst frisch geimpft und ihre Papiere in Ordnung gebracht werden. Und wo könnten sie in Deutschland hin? Ob wir sie, bevor ich weiß, wo wir wohnen, im Tierheim unterbringen können? Machen die so was? Und die Katzen? Mein Auto ist keine Arche. Die müssen dann wohl dran glauben, wenn die Ratten das sinkende Schiff verlassen.

Auf dem Weg zur Schule ist die Welt wie immer. Die Menschen, denen ich unterwegs begegne, scheinen unaufgeregt normal zu sein. Vor der Bank ist weder eine Schlange noch die Polizei. Hinterm Schalter liegen riesige Geldbündel herum, wenn ich nur rüberreichen und mich bedienen könnte. So eine Summe unter meiner Matratze würde mich bestimmt beruhigen. Ein Mann am anderen Schalter will schätzungsweise um die 10.000 Euro einzahlen. Auch ganz entspannt. Mir liegt auf der Zunge zu sagen, tu’s nicht. Unauffällig hebe ich etwas mehr als die Miete ab, um auf der sicheren Seite zu sein. Ich fühle mich beobachtet, aber niemand außer mir scheint meinen Film zu sehen.

Als man auch in der Post normal entspannt ist, wie immer, beschließe ich, ein paar Freunde und Bekannte zu interviewen. Leute, die sich in GR besser auskennen als ich. Ich habe ein zwiegespaltenes Verhältnis zu den Medien, mag Nachrichten nicht gern schauen, muss aber halbwegs informiert sein (oder?).

Meine Freunde beruhigen mich durchweg. “Es wird schon” – “lässt man GR den Bach runter gehen, gehen alle anderen mit unter” – “wenn Merkel die NRW-Wahlen hinter sich hat, wird sich schon alles klären” und dergleichen höre ich. Ich bin nicht vollends überzeugt, denn der Morgen hat meine schlimmsten, nämlich: Existenzängste geschürt. Das ist ein Schlag in die Magengrube, von der ich mich nur langsam erholen kann.

Wieder zu Hause ist der Gärtner da, räumt im Hof auf und schneidet alles radikal ratzekahl. Ich werde nie verstehen, warum wunderhübsch blühende Blumen bis auf ein paar Stöckchen zurück geschnitten werden müssen, „damit es aufgeräumter aussieht“ – so meine Vermieterin. Das Haus gegenüber soll verkauft werden, aber meiner Meinung nach machen ein paar Stöcke statt Blumen ein Haus nicht attraktiver. Aber vielleicht bin ich mit der Ansicht allein auf der Welt .

Genau so allein scheine ich mit meiner Begeisterung dafür zu sein, neulich auf Frösche gestoßen zu sein. Mein Freund und ich sind in Lefkes spazieren gewesen und haben in einem Flussbett echte Frösche entdeckt – für mich eine Sensation, aber jeder, dem ich es erzähle, schaut mich zwar interessiert, aber ob meiner Begeisterung doch etwas irritiert an.

Ich bin im falschen, oder vielmehr, in meinem eigenen Film. Beruhigen tut mich letztendlich Dimitris – er verspricht, mir sofort Bescheid zu sagen, wenn er meint, dass ich das Land verlassen sollte.

PS: habe ich schonmal erwähnt, dass ich Zocker verabscheue und “Ratingagentur” mein neues “Lieblingswort” ist?
PPS: Meine Blutergebnisse sind SUPER, 1A, besser könnten sie nicht sein, von Cholesterin über Zucker bis hin zu den Leberwerten. Ich bin platt.