Panik am Morgen

Nach wirren Träumen – ich bin auf der Flucht – wache ich auf und mache einen Fehler: noch vor dem ersten Schluck Tee den Computer an. Als erstes lese ich von Kapitalabzug aus Griechenland aufgrund des unmittelbar bevorstehenden Staatsbankrotts. Polizisten bewachen Banken in Athen, da man Unruhen und panikartige Anstürme erwartet, weil das Geld eventuell eingefroren werden oder weg sein soll.

Horrorszenarien tun sich auf, noch vor dem ersten Tee, noch bevor Lydia aufgestanden ist. Ich denke an mein Portemonnaie, in dem sich nur 20 Euro befinden. Die Miete ist in drei Tagen fällig. Zum Glück ist der größte Teil meines Geldes in Deutschland, aber vielleicht sollte ich zumindest die Miete und etwas Geld für die nächsten Wochen abholen, wenn überhaupt noch möglich.

Schnell entfaltet sich vor meinem inneren Auge folgendes Bild: Kapitalabzug –> Konten eingefroren –> bewachte Banken –> Menschen in Panik –> kein Geld mehr im Umlauf –> Hamsterkäufe –> Versorgungsengpässe –> Unruhen –> Bürgerkrieg.

Inzwischen ist meine Tochter aufgestanden und ich versuche meine aufkeimende Panik im Zaume zu halten. Ich habe keinen Hunger, bereite aber Lydias Frühstück vor, schmiere um Fassung bemüht ihr Brot. Bloß ruhig bleiben, mir nichts anmerken lassen, bis ich sie zur Schule gebracht habe.

Ich tu die Butter zurück. Noch ist mein Kühlschrank voll. Die schlimmste Vorstellung: ich kann mein Kind nicht mehr versorgen. Plan B muss her. Wie weit komme ich mit meinem vollen Tank? Bestimmt nach Patras, um die Fähre nach Italien zu nehmen? Vielleicht sollte ich das Auto noch schnell zur Wartung bringen? Darf ich mit meinem Auto überhaupt nach Deutschland einreisen? Wo wir doch keinen TÜV haben? Wie viele passen in unser Auto? Kann ich die Hunde mitnehmen? Die sollten erst frisch geimpft und ihre Papiere in Ordnung gebracht werden. Und wo könnten sie in Deutschland hin? Ob wir sie, bevor ich weiß, wo wir wohnen, im Tierheim unterbringen können? Machen die so was? Und die Katzen? Mein Auto ist keine Arche. Die müssen dann wohl dran glauben, wenn die Ratten das sinkende Schiff verlassen.

Auf dem Weg zur Schule ist die Welt wie immer. Die Menschen, denen ich unterwegs begegne, scheinen unaufgeregt normal zu sein. Vor der Bank ist weder eine Schlange noch die Polizei. Hinterm Schalter liegen riesige Geldbündel herum, wenn ich nur rüberreichen und mich bedienen könnte. So eine Summe unter meiner Matratze würde mich bestimmt beruhigen. Ein Mann am anderen Schalter will schätzungsweise um die 10.000 Euro einzahlen. Auch ganz entspannt. Mir liegt auf der Zunge zu sagen, tu’s nicht. Unauffällig hebe ich etwas mehr als die Miete ab, um auf der sicheren Seite zu sein. Ich fühle mich beobachtet, aber niemand außer mir scheint meinen Film zu sehen.

Als man auch in der Post normal entspannt ist, wie immer, beschließe ich, ein paar Freunde und Bekannte zu interviewen. Leute, die sich in GR besser auskennen als ich. Ich habe ein zwiegespaltenes Verhältnis zu den Medien, mag Nachrichten nicht gern schauen, muss aber halbwegs informiert sein (oder?).

Meine Freunde beruhigen mich durchweg. “Es wird schon” – “lässt man GR den Bach runter gehen, gehen alle anderen mit unter” – “wenn Merkel die NRW-Wahlen hinter sich hat, wird sich schon alles klären” und dergleichen höre ich. Ich bin nicht vollends überzeugt, denn der Morgen hat meine schlimmsten, nämlich: Existenzängste geschürt. Das ist ein Schlag in die Magengrube, von der ich mich nur langsam erholen kann.

Wieder zu Hause ist der Gärtner da, räumt im Hof auf und schneidet alles radikal ratzekahl. Ich werde nie verstehen, warum wunderhübsch blühende Blumen bis auf ein paar Stöckchen zurück geschnitten werden müssen, „damit es aufgeräumter aussieht“ – so meine Vermieterin. Das Haus gegenüber soll verkauft werden, aber meiner Meinung nach machen ein paar Stöcke statt Blumen ein Haus nicht attraktiver. Aber vielleicht bin ich mit der Ansicht allein auf der Welt .

Genau so allein scheine ich mit meiner Begeisterung dafür zu sein, neulich auf Frösche gestoßen zu sein. Mein Freund und ich sind in Lefkes spazieren gewesen und haben in einem Flussbett echte Frösche entdeckt – für mich eine Sensation, aber jeder, dem ich es erzähle, schaut mich zwar interessiert, aber ob meiner Begeisterung doch etwas irritiert an.

Ich bin im falschen, oder vielmehr, in meinem eigenen Film. Beruhigen tut mich letztendlich Dimitris – er verspricht, mir sofort Bescheid zu sagen, wenn er meint, dass ich das Land verlassen sollte.

PS: habe ich schonmal erwähnt, dass ich Zocker verabscheue und “Ratingagentur” mein neues “Lieblingswort” ist?
PPS: Meine Blutergebnisse sind SUPER, 1A, besser könnten sie nicht sein, von Cholesterin über Zucker bis hin zu den Leberwerten. Ich bin platt.

Schwarzer Tag

Geh ich grad mit meinen Hunden spazieren und begegne einer unserer Katzen (Puma), die auf einer Mauer zwischen Gebüsch thront. Als ich hingehe, um sie zu streicheln, fällt plötzlich etwas von der Mauer – direkt vor die Hunde, die sich sofort drauf stürzen, worauf das Etwas anfängt zu quietschen wie verrückt. Ich dachte, es wäre eine junge Katze oder ein Igel und zog sofort die Hunde zurück, worauf plötzlich eine Ratte davonhumpelte. Im wahrsten Sinne: humpelte.

Fällt einfach ne Ratte von der Mauer. Die hatte wohl schon unter der Katze gelitten und dann stürzten sich noch die Hunde drauf. Armes Tier. Echt kein guter Tag.

Aber keine Sorge, ich werd nicht auch noch anfangen, Ratten zu adoptieren, obwohl…………

Warum so eine Welle?

Der deutsche Rucola-Markt bricht ein. Wegen eines Fremdkrauts. Eines giftigen. Ok, ich sehe ja voll und ganz ein, dass man Kunden kein giftiges Kraut verkaufen darf. Aber irgendwie beginne ich mich zu fragen – können Menschen nicht mehr selbständig denken? Wenn sie ein Paket Rucola kaufen und darin ist ein andersartig aussehendes Kraut, sortieren sie das nicht automatisch aus? Oder gehen sie davon aus, dass Rucola drin ist, wo Rucola drauf steht? Drin sein muss?

Ich muss zugeben, diese Nachricht verwirrt und irritiert mich. Bei uns ist der Salat, der Fisch, alles was wir kaufen IMMER mit irgendwas fremdem gemischt, dann sortier ich das einfach aus, wenn ich nicht weiß, was es ist. Darum bricht aber der Markt nicht ein. Irgendwie sind mir viele Dinge in D-Land fremd geworden.

Und nun warte ich darauf, dass ich einen auf den Deckel kriege, wie bei meinem Schlange-stehen-für-Altglas-loswerden-Beitrag. Wenn ich auch noch nicht weiß, warum, jemand wird’s mir sicher sagen.

Augenschmaus

Irgendwie MUSS man ja auch dem 15. August, dem “schlimmsten” Tag des Jahres, etwas Positives abgewinnen können, oder. Jedenfalls haben sie zur Feier des Tages genügend zusätzliche Hafenpolizisten angefordert, von denen einige in unserem Hotel wohnen – und da sind ein paar wirklich gut aussehende Exemplare dabei ;-). Also gibt’s heute so richtig was zu kucken. Lydia wär begeistert von den Frauen, denn sie will ja Hafenpolizistin werden – wenn nicht Polizistin oder Sängerin – so ganz hat sie sich noch nicht entschieden!

Woran liegt es nun?

Ein Hotel, ein Zimmer, Check in, Check out.

Vorige Gäste: 5 Tage geblieben, alles super, Zimmer schön, Frühstück schön, Insel schön, alles schön.

Nächsten Tag, dasselbe Zimmer, anderes Szenario: Zimmer schrecklich, Frühstück schrecklich, Insel schrecklich, alles schrecklich.

Ich kann also nur daraus schließen, dass es nicht am Zimmer liegt, sondern an den Leuten. Zumal es nicht das erste Mal wäre, dass ich das beobachte.

Ergo liegt es auch an mir, wie ich etwas finde, und nicht an den Umständen, oder?

Putzfrauenterror

Und ich dachte, früher hatte ich es schwer, mit nur EINER Putzfrau.

Heute habe ich (Gott sei Dank nicht als Chefin!) mit 4 Putzfrauen zu tun, und die sind alle so unterschiedlich wie es Menschen gibt.

Die eine war super, hat in der gleichen Zeit 3x so viel geschafft wie die anderen. Leider musste sie abreisen, weil ihr Sohn einen Unfall hatte. Sie hat sich bis heute nicht gemeldet.

Die andere ist fleißig und man hört und sieht sie kaum – aber alles ist, ohne Probleme, binnen kurzer Zeit erledigt.

Die andere ist bildhübsch und sehr freundlich und kooperativ, so schaut man gern über ihre Langsamkeit hinweg (schlurf, schlurf den Gang entlang…).

Die dritte im Bunde ist ein Arbeitspferd und ackert – und denkt sogar mit.

Die vierte macht alle wahnsinnig. Sie ist 40 Jahre alt, wie ich also, sieht aus wie 50 und benimmt sich wie eine Zweijährige. Eine Zweijährige mit Fahne. Braucht wahnsinnig viel Aufmerksamkeit. Heult, wenn sie einen nackten Mann sieht (aus Versehen in ein vermeintlich leeres Zimmer gegangen). Heult, wenn sie zuviele Check outs hat. Heult aus jedem Grunde. Versteht jeden Tag dieselben Sachen nicht. Sie könnte einem eigentlich leid tun, aber das Mitleid hält sich irgendwie in Grenzen, auch wenn ich versuche mir vorzuhalten, dass auch ich manchmal Probleme habe.

Gestern hat sie mich total verrückt gemacht, und als ich mich nach Feierabend mit umgehänger Tasche und Sonnenbrille auf der Nase umdrehte und sie wieder vor mir stand, da tat ich etwas, was man eigentlich nicht tut – ich ergriff die Flucht und bat die Kollegen, sich bitte um diesen Fall zu kümmern.

Man würde ja eigentlich nicht denken, dass Zimmer putzen so schwer sein kann, aber es ist eine never ending story. Ich könnte allein über meine Putzfrauenerfahrungen in Griechenland Bücher füllen. Jetzt das 13. Jahr im Hotelwesen auf Paros. Habe ich euch eigentlich schon von der magersüchtigen, von ihrem Mann misshandelten und den Gästen den Ouzo wegtrinkenden Putzfrau erzählt??? Die davon abgesehen die beste von allen war…?

Was ist Glück?

In das strahlende Gesicht (m)eines fröhlichen Kindes zu schauen. Zu wissen, ich habe dieses Lachen herausgefordert.
Dieses Kind zu beobachten, wie es Freude an anderen Menschen hat und diese liebt, ohne einen einzigen schlechten Hintergedanken. Unverdorbenheit.
Den lustigen Schlussfolgerungen dieses Kindes zu folgen.

Des nachts die Blüten des tagsüber überhaupt nicht duftenden Νυχτολούλουδο ( Nachtjasmin ) zu riechen – wer das nicht kennt, hat etwas verpasst.
Täglich Griechenland zu riechen.
Täglich Griechenland zu sehen. Gibt es viel Schöneres als täglich solche Augenweiden?

Und das Licht, dieses Licht, war das schon immer so?

Interaktion mit einem bekloppten Griechen, wenn man nicht grad was von ihm braucht…
Wärme, mit denen Menschen einen zuweilen überschütten, ohne dass man etwas dafür leisten musste… eine warme Seelendusche.
Menschen wiedersehen, die man seit 2 Jahren nicht mehr gesehen hat, und sich nicht fremd, sondern sich genau so wohl fühlen, als wenn man sich gestern erst gesehen hätte.
Zu wissen, dass diese Menschen für einen da sind und einem positive Energie geben.

Nachts am Strand unter einer Tamariske zu sitzen und Rotwein zu trinken, ohne Zeitdruck und ohne Mücken. Tamarisken können übrigens von Salzwasser leben.

Der liebende Blick meines Hundes, ein Liebesbiss meiner Katze, Kaninchen, die denken, sie sind Katzen und die ins Katzenklo scheißen. Sie rühren mich und bringen mich zum Lachen.

Mein Kind, das ich ein ums andere Mal kitzeln muss, obwohl es vor lauter Lachen schon nicht mehr kann.
Der staunende Blick meines Kindes ob des Πουλάκι’s meines schwulen Freundes am FKK-Gay-Strand.

Die griechische Sprache, die in meinen Ohren so wunderschön klingt wie als ich sie noch nicht verstand; besonders bei einem Radiomoderator mit sexy Stimme zum Dahinschmelzen.

Meine Idealvorstellung vom Glück: Strand, Sonnenuntergang, griechische Musik und sich dem Moment hingeben und griechische Tänze tanzen, wie Alexis Sorbas. Diesen Moment kann ich mir genau vorstellen, aber soweit bin ich noch nicht. So kann ich mich dem Augenblick nicht hingeben. Noch nicht. Vielleicht bin ich ja dafür hier, um das zu lernen.

Es hat viel mit Griechenland zu tun, mein Glück.