“Da ist deine Sachen!”

“Da ist deine Sachen!”
Heute am See neben uns: das Russenvölkchen.
Ich werde nicht verstehen, warum Eltern in gebrochenem Deutsch mit ihren Kindern sprechen, wenn sie den Kindern doch ihre eigene Muttersprache richtig beibringen könnten. So würden die Kinder zwei Sprachen richtig lernen statt eine falsch.
Als irgendwann das Radio anging und ich fragte, ob sie keine Kopfhörer dabei hätten, guckten sie auch groß. Verstanden sie ja gar nicht, was für ein Problem ich hatte *lach*.
Ach ja. Immer wieder interessant, Leute zu beobachten.
Und jetzt warte ich auf das ersehnte Gewitter, damit es hier mal endlich abkühlt. Ist ja nicht auszuhalten!

Ach du meine Güte!

Das würde meine Tochter jetzt sagen! So schnell ist die Zeit vergangen, ein halbes Jahr ist schon wieder rum und es passiert hier nichts. Dafür passiert im “real life” umso mehr, was ja gut ist, denn es wird ja vielen Leuten unterstellt, sie hätten nur ein virtuelles und kein reales Leben. Daher: alles gut. Aber trotzdem ist ja so ein blogfreies Leben total langweilig, und das muss sich ändern!

Bis bald!

Spießig? Spießig!

Ich nehme mal an, Spießigkeit bei Kindern mittleren Alters ist nicht allzu besorgniserregend und hat gute Aussichten, eines Tages zu vergehen. Wahrscheinlich sehne ich mich nach eben dieser Spießigkeit zurück, wenn das Kind die Punkphase in der Pubertät erreicht hat. Obwohl, ne Ratte würde mich nicht schrecken, die hatte ich auch, auch wenn ich kein Punk war. Damals. Lang, lang ist’s her.

Anlass zu diesen Gedankengängen gab ein Plakat im Parkhaus. Ich hatte es selbst noch gar nicht bemerkt, war vielmehr noch mit Einparken beschäftigt (und nein: ich brauch dafür nicht länger, weil ich ne Frau bin!), als Lydia schon hörbar die Nase rümpfte und sagte “da ist ein tätowierter Mann!”. Die Verachtung in der Stimme war ebenso nicht überhörbar. Ich dachte sogleich an Überfall im Parkhaus und sah mich kampfbereit um, als ich das Plakat entdeckte. Es war ein – hmmm, ich konnte nicht sagen, übel aussehender – aber tatsächlich deutlich tätowierter Mann. Lydias Abneigung wurde deutlicher, je näher wir dem Plakat kamen. Wiktoria aber schien ein Bisschen offener zu sein in der Hinsicht und meinte zu mir “findest du den auch so doof?”. Ich sagte, etwas verunsichert – was ist denn die politisch korrekte Antwort bei 8jährigen auf so eine Frage? – hmmm nö er sähe doch eigentlich ganz ok aus, “trotz der Tätowierung”. “Wegen” traute ich mich nicht zu sagen. Wobei Wiktoria offensichtlich erleichtert war,  dass sie das auch finden “durfte”.

Lydia blieb bei ihrer Meinung, und ich muss immer noch schmunzeln. Meine süße kleine Spießerin. Sie ist ebenso militante Nichtraucherin. In Griechenland ist sie schon als Vierjährige auf Barhocker gestiegen, um der Bedienung zu sagen, dass Rauchen ungesund sei und sie nicht atmen könne. Besser seine Meinung haben als gar keine, oder?

 

Adieu

Adieu.
Sitzengelassen
hast du mich,
einfach so,
wie kannst du nur.
Zurückgelassen,
allein,
wütend,
mit vielen Fragen
ins Nirvana.
Eine Antwort
bekomme ich nicht.
Nie mehr.
Deine Sucht
war stärker
als deine Liebe.
Ich bin stärker
als meine Trauer.
Trotz alledem:
ich denk an dich.
Fröhliche Weihnachten.

Sitzengelassen
hast du mich,
einfach so,
wie kannst du nur.

Zurückgelassen,
allein,
wütend,
mit vielen Fragen
ins Nirvana.

Eine Antwort
bekomme ich nicht.

Nie mehr.

Deine Sucht
war stärker
als deine Liebe.

Aber ich
bin stärker
als meine Trauer.

Und trotz alledem:
ich denk an dich.

Fröhliche Weihnachten.

All is well

Call me by my old familiar name.
Speak to me in the easy way
which you always used.
Put no difference in your tone.
Wear no forced air of solemnity or sorrow.
Laugh as we always laughed
at the little jokes we enjoyed together.
Play, smile, think of me, pray for me.
Let my name be ever the household word
that it always was.
Let it be spoken without affect,
without the trace of a shadow on it.
Life means all that it ever meant.
It is the same that it ever was.
There is absolutely unbroken continuity.
Why should I be out of mind
because I am out of sight?
I am waiting for you,
for an interval,
somewhere very near,
just around the corner.
All is well.

“Death is nothing at all.

I have only slipped away into the next room.

I am I and you are you.

Whatever we were to each other,

that we still are.

Call me by my old familiar name.

Speak to me in the easy way

which you always used.

Put no difference in your tone.

Wear no forced air of solemnity or sorrow.

Laugh as we always laughed

at the little jokes we enjoyed together.

Play, smile, think of me, pray for me.

Let my name be ever the household word

that it always was.

Let it be spoken without affect,

without the trace of a shadow on it.

Life means all that it ever meant.

It is the same that it ever was.

There is absolutely unbroken continuity.

Why should I be out of mind

because I am out of sight?

I am waiting for you,

for an interval,

somewhere very near,

just around the corner.

All is well.”

 

(by Henry Scott Holland (1847-1918)Canon of St. Paul’s Cathedral)

Diese schönen Worte erreichten mich heute in der Kondolenzkarte für Chris († 01.08.2011).

Obwohl ich den ganzen Vormittag brauchte, um sie zu Ende zu lesen, finde ich sie wunderschön.

Ist es Zufall, dass ich ausgerechnet bei meinem letzten Gang zu meinem griechischen Postfach diese Karte vorfand? Ist es eine Nachricht des Universums, die mir helfen soll, loszulassen und positiv in die Zukunft zu schauen?

Man könnte es fast denken.

Egal, ich finde sie so schön, dass ich sie mit euch teilen möchte. Möge der eine oder andere an einen Menschen denken, den er verloren hat.

Am Sonntag verlassen wir Paros auf dem Weg in unser neues Leben.

Hit the road, Jack!

Morgen ist es soweit; wir werden uns wieder auf den Weg begeben. Diesmal in umgekehrte Richtung. Am 11.08. sind wir in Frankfurt/M gelandet, und morgen, am 24. August, geht es nach Paros zurück, um dann endgültig Abschied zu nehmen.

Wir haben hier verrichtet, was zu verrichten war und dabei ganz viel Glück gehabt. Eine wunderschöne Wohnung gefunden – die Vermieterin hat sogar eine Woche auf mich gewartet, bis sie uns traf und entschied, dass sie uns die Wohnung geben würde – wir können übrigens beide Hunde mitnehmen und die 2 Katzen, die wir behalten, und auf den Mietvertrag musste ich auch keine 9 Monate warten -; meine Möbel haben wir aus Köln schon abgeholt und in der neuen Wohnung schon unterstellen dürfen, ein Auto habe ich gekauft, für meine Freunde die Einkaufslisten abgearbeitet; wie schön, dass mein Job auf mich wartet – soviel zu “in Deutschland hat keiner auf dich gewartet” – und nun geht es, wieder mal ein paar Freunde unterwegs abklappernd, in Etappen über Nürnberg, München und Italien zurück.

Mit gemischten Gefühlen; dort werde ich alle losen Enden aufnehmen müssen, mein Auto verkaufen, die Wohnung auflösen, einige Behördengänge verrichten, mal nebenbei für einen Reiseführer schreiben – einer meiner neuen Nebenjobs übrigens -, und und und. Am schwersten wird es uns natürlich fallen, uns von allen lieben Menschen zu verabschieden. Aber ist das nicht ‘the story of my life’? Mein ganzes Leben habe ich mich von Menschen, die mir ans Herz gewachsen waren, verabschieden müssen. Heute gibt es zum Glück das Internet, da kommt einem die Welt kleiner vor, und die Entfernungen sind überbrückbarer.

Damals, als ich nach Paros ging, habe ich viele, viele Menschen zurückgelassen und schmerzlichst vermisst, jahrelang. Nun wird es umgekehrt sein, und ich bin gesegnet mit Freunden, die mich hier mit offenen Armen wieder aufgenommen haben, so selbstverständlich, als hätte man sich gestern erst zum Kaffee gesehen. Unterstützt haben sie mich, wo es nur ging – was mich zu der von einigen beanstandeten Behauptung verleitete, ohne meine Freunde wäre ich ein Nichts. Ob sie uns in ihrem Hause haben wohnen lassen, mir beim Autokauf halfen, sich für mich Wohnungen anschauten, mir beim Möbel schleppen halfen, mich aus der Ferne positiv unterstützten und mit Rat und Tat zur Seite standen, und und und, ohne sie hätte ich das alles nicht in so kurzer Zeit hingekriegt, und dafür bin ich sehr dankbar. Sogar der nette *Vor*mieter meiner Wohnung hat mit angepackt, überhaupt waren hier alle Leute so unglaublich nett zu mir – zeitweilig hatte ich den Verdacht, auf meiner Stirn klebte ein Schild, auf dem stünde “bitte besonders nett sein”.

Überhaupt macht Deutschland einen wahnsinnig guten Eindruck auf mich, und mein Heimweh nach Paros hält sich stark in Grenzen. Ich freue mich auf neue Horizonte, darauf, alle meine alten Freundschaften wieder aufleben zu lassen und Menschen, die ich jahrelang vermisst habe, um mich haben zu dürfen, darauf, mit Lydia und den Hunden in der Natur um unsere neue Wohnung herum spazieren gehen zu können und na ja, vieles mehr, aber ich will euch ja nicht langweilen.

Nun will ich euch mal “adé” sagen. Die Nächte sind nach wie vor schwer – fast jede Nacht fragt mich jemand im Traum “wo ist Chris” und ich antworte, es immer noch nicht glaubend, vielleicht ist das ja auch der Sinn dieser Träume, “er ist tot”. Weiter kann ich momentan nicht denken.

Alles zu seiner Zeit. Wir melden uns, bis bald.

Worte, die es nicht gibt

Nein, Worte gibt es nicht, die beschrieben können, wie ich mich fühle. Wenn ich mich überhaupt irgendwie fühle, denn ich bin am Rotieren, ich versuche das Unmögliche zu schaffen und innerhalb von nur wenigen Wochen – am liebsten wären mir sogar Tage -, meinen kompletten Haushalt, unser komplettes Leben, von einem Land ins andere zu verlegen. Das Leben auf den Kopf stellen, den Gefühlen davonlaufen, aber natürlich ist mir klar, dass sie mich irgendwann einholen.

Ab und zu schaffen sie es auch. Es ist unglaublich, wie viele Erinnerungen man mit sich herumträgt, wenn man 5 Jahre seines Lebens mit jemandem zusammen war. Jeder Löffel, eine Szene im Fernsehen, ein Bild, eine Situation, Komik, die dem anderen gefallen hätte, tausendmal am Tag gibt es Momente, die einen erinnern. An die Person, die nicht mehr da ist. Die Person, die ein lieber Mensch war, aber leider, wie 9 von 10, den Kampf dem Alkoholismus verloren hat. Überhaupt gar nicht erst aufnehmen konnte. Sucht tötet, und ich weiß jetzt wie. Alkohol ist allgegenwärtig, und hast du das Pech, Alkoholiker zu sein, kann ich mir sehr gut vorstellen, wie schwer es sein muss, zu gewinnen. Alkohol ist überall. Allein am Flughafen, als ich kürzlich mit Lydia anstand, um nach Frankfurt zu fliegen, war Jack-Daniels-Werbung am Bildschirm der Airline. Höhnisch, kam es mir vor, strahlten mich diese Buchstaben an. Warum? Jack Daniels schaute auf mich herab und ich fragte mich, welche Kraft ist hier am Werk, dass sie Menschen so zerstören kann? Wieso werden manche Menschen zu Alkoholikern, und manche nicht? Wieso schaffen es manche, trocken zu werden und zu bleiben, und manche nicht? Wann werden die Erinnerungen schwächer werden, wann wird die Trauer mich nicht mehr einkreisen und zuschlagen, wenn ich gerade nicht damit rechne?

Aber ich erwarte zuviel. Wenn ein Mensch gestorben ist, oder gar zwei, kann man nicht erwarten, dass es einem gleich wieder gut geht. So muss man weitermachen, und stark sein, wie immer. Und sich dem stellen, wenn es zuschlägt. Noch eine Runde und noch eine, macht nix, Unkraut vergeht nicht, und je mehr ich erlebe, desto stärker, weiß ich, bin ich. Und trotzdem, erfahre ich, liegen Freud und Leid dicht beieinander. Man kann auch fröhlich sein, und genießen. Trotzdem. Wie sagt Khalil Gibran so schön, der alles in wunderschöne Worte zu fassen verstand:

“Je tiefer sich das Leid in euer Sein eingräbt, desto mehr Freude könnt ihr fassen.”

Wer ohne Sünde ist

Immer wieder interessant, das Leben :-)

Wie man plötzlich in eine Form gepresst wird, in der man vorher wahrscheinlich schon in den Augen mancher Mitmenschen war, ohne es zu wissen. Nun bricht man aus, wagt was neues, tut was unerwartetes, und plötzlich kommen sie von allen Seiten (und ich meine NICHT ausschließlich meinen Blog!).

“Hast du dir das auch gut überlegt?” (Nein, ich hab halt sonst nix besseres zu tun!)

“Deutschland hat nicht auf dich gewartet.” (Ach was?)

“Du wirst ohne Paros nicht leben können.” (Schon mal 15 Jahre auf einer Insel von ein paar Quadratkilometern zugebracht? Woher weißt du, was ich kann und nicht?)

“Wie kannst du nur deine Tiere alle abgeben.” (Wie habe ich das die ganzen letzten Jahre gemacht, mit den Viechern, die ich aus dem Müll gefischt und aufgepäppelt habe, aber nicht alle behalten konnte?)

Da sind die Missgünstigen, für die ich nur ein “Google-Ergebnis” bin, die aber erstaunlich genau Bescheid zu wissen meinen – und sehr schnell urteilen, zynisch, abwertend – das ist deren Problem, nicht meins, was kratzt mich das mehr als ne Kakerlake im Bad? Oder die Träumer, deren Hoffnungen ich jetzt vielleicht zunichte mache?

Immer wieder schön ist die überwältigende Menge an positivem Zuspruch, Hilfsangeboten, Tipps, Glauben an mich. Die, die einfach Anteil nehmen, und dennoch eine Meinung haben, die mir konstruktiv weiterhilft. Ich kann nur meinen gerührten, zutiefst schätzenden, 1000fachen Dank melden!

Aber letztendlich – entscheiden kann ich nur für mich, und für meine Tochter, nach bestem Wissen und Gewissen – wer hätte das gedacht. Wer mich kennt oder diesen Blog aufmerksam gelesen hat wird sicher sein, dass ich nicht leichtfertig entscheide. Da nützen auch dauernde Hinweise auf schlechtes Wetter in Deutschland nicht, na wenn das meine einzige Sorge wäre.

Es glaubt doch wohl hier niemand ernsthaft, dass ich “es” in Deutschland nicht auf die Reihe kriege, oder? Und wer doch, der soll mir das doch mal vormachen, 15 Jahre in Griechenland zu überleben – davon 6 Jahre allein, mit Kleinkind.

Nein, ich habe keine Angst. 15 Jahre Griechenland haben mich gestählt. Ich weiß, was für mich und mein Kind das beste ist. Und ich freue mich auf Deutschland. Ich freue mich auf Neues in meinem Leben, eine gute Schulbildung für meine Tochter, keine dauernde Angst vor einer Massenarmut, keine HIV-und Syphilis-Tests für einen Rezeptionsjob, und vieles, vieles mehr.

Ich habe auf die Zeichen gewartet und sie sind gekommen. Ich lasse alles passieren, wie es soll, und stress mich nicht. Wenn der erste Anlauf nichts wird, dann eben der nächste. Vorm Verhungern habe ich in unseren Breiten keine Angst.

Nun habe ich also bereits Arbeit gefunden (tut mir ja echt leid, Rainer!), die mich nach Oldenburg führt, also nix Bremen – aber irgendwie doch Bremen, da schön in der Nähe. Ein kompletter Neuanfang fühlt sich einfach richtig an.

(Wer mithelfen möchte: wir suchen jetzt in Oldenburg eine Wohnung, wo Tierhaltung erlaubt ist, da wir einen Hund und 2 Katzen behalten!).

Darum: Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.