Der Vulkanausbruch

Als ich plötzlich aufatmete, spürte ich, dass mein Hals brannte wie Feuer. Ich hustete mir die Seele aus dem Leib und weiß nicht mehr, wie lange ich brauchte, um zu realisieren, dass das, was ich dort einatmete, ja einatmen musste, da es wie Schnee auf uns herabfiel und uns wie ein gespenstischer schwarzer Schneesturm umgab, Asche war. Wie lange ich dem Spektakel ungläubig zugesehen hatte, diesem beeindruckenden, farbigen Naturschauspiel, ohne zu begreifen, was es bedeutete. Einem Schauspiel, das zu bitterem Ernst wurde, über Leben und Tod entschied, über Zerstörung und Verschonen, das willkürlich, ohne Plan, wahllos alles mit sich riss, das im Weg war.
Wie wir aus der Ferne - und genauso zufällig hätten wir ebenso gut dort wie hier sein können Zeugen wurden, wie Mitmenschen, Familien, Eltern, Kinder, Haustiere, Nutztiere, Wild, verschüttet wurden, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren und nicht, wie wir, das Glück hatten, auf dem benachbarten Berg eine Wanderung zu machen, bis uns ein Naturschauspiel ohnegleichen überraschte und in Atem hielt.
Es sind Bilder, die ich nie vergessen werde. Assoziationen, die mir heute noch ein schlechtes Gewissen bereiten, da ich nicht im Weg gewesen war, sondern ein tödliches Schauspiel beobachtete, das für die anderen Beteiligten so grausam wie für mich schön war.
Die Lavamassen, die ich sah: sie waren rot wie die Liebe, die den Berg scheinbar sanft hinabglitten wie die Hände eines ehrfürchtigen Liebhabers an den Kurven, Tälern und Erhebungen seiner Angebeteten. Sie waren heiß wie die Leidenschaft seiner dirigierenden, lockenden und Funken sprühenden Hände, die ihren Körper zu Leben erwecken und zum Beben bringen, so dass sie nur noch ihmgehorcht, der in Flammen aufgegangen ist und seine elementarsten Bedürfnisse in einer nicht mehr zu haltenden Kraft zu stillen wünscht, dem nichts mehr im Wege stehen darf, der alles mit sich reißt, bis er erlöst ist. Die Erlösung bringt ein Keuchen mit sich, und der Berg, wie der nurmehr befriedigte Körper einer Frau, atmet nur noch aus und das Beben lässt nach. Langsam erwacht wieder das Bewusstsein für das, was um sie, nein um ihn herum geschieht.
Meine Wanderkollegen und ich hatten Glück. Ehrfürchtig durften wir den Vulkanausbruch aus einer sicheren Nähe beobachten. Wir sahen mit an, wie er Menschen mitriss und Tod und Unglück mit sich brachte. Kaum war Stille über das Spektakel hereingebrochen, hörten wir schon die Hubschrauber, umkreisten sie uns, nein die Opfer und die Überlebenden, wie die Geier das Aas. Man konnte nur erahnen, was dort für ein Chaos herrschen musste, während wir buchstäblich unseres Atems beraubt tatenlos zuschauten.
Ungläubig fragten wir uns, warum es keine Warnung gegeben hatte. Seismologen, Vulkanologen, oder wie sie auch alle heißen mögen, hätten sie es nicht voraussagen können? Sind wir immer noch so klein, unwichtig und machtlos, dass wir einer Naturkatastrophe hilflos ausgeliefert sind? Ich erinnerte mich im Dunkel des von Rauch und Asche verhangenen Himmels an den Morgen, als wir aufgebrochen waren. Hell war es gewesen, der Himmel klar und wolkenlos: eine ganz besondere Atmosphäre. Lange war mir nachgehangen, dass mir etwas aufgefallen war, das ich aber nicht benennen konnte. Jetzt wusste ich, was es war. Es war Frühling, und die Vögel hatten nicht gezwitschert. Wie konnte mir das nur entgangen sein? Mir, die den ganzen langen Winter jeden Morgen die zwitschernden Vögel herbeigesehnt hatte. Hätte ich es nur wahrgenommen, wäre es bis zu meinem Bewusstsein vorgedrungen, hätte ich etwas ausrichten können? Aber was hätte ich sagen sollen?
Niemand hätte mir geglaubt. Und ich darf niemandem sagen, dass das das Schönste war, das ich je erlebt habe.