Stumm

Es ist schwer, in Zeiten wie diesen, die Dinge in Worte zu fassen, da bleibt man dann manchmal einfach stumm. Ich will es aber dennoch probieren, sonst wird auf diesem Blog nie mehr etwas veröffentlicht. Vielleicht hilft es mir, über die Lähmung hinweg zu kommen, die mich erfasst hat, seit in Japan die Erde gebebt hat und die Wassermassen ganze Dörfer, Boote, Kleinstädte, Züge, Schulen, Unis, inklusive all der Menschen und ihrer Kinder, Freunde und Verwandten, ihrer Kollegen und ihrer Haustiere, und so weiter, da gibt es sicher viele, die ich vergessen habe, einfach weggespült haben. W e g g e s p ü l t. Als wären sie Spielzeug. Noch vor ein paar Tagen habe ich anhand der Flüsse auf Paros versucht, meinem Kind zu erklären, Wasser ist stärker als alles andere, das war noch vor dem Erdbeben…

Ich versuche mir vorzustellen, ganz Paros würde überflutet, weggespült, und welche Schicksale dahinter stecken würden, welch immense Trauer bei so vielen Menschen das verursachen würde. Die Bilder von Autos und Häusern, die “einfach so” – so sieht es aus -, zusammengedrückt und weggespült wurden, gehen mir nicht mehr aus dem Kopf. Die Menschen, die von Hügeln dabei zusehen und die weinenden Kinder, die man nur flüchtig zu sehen bekommt. Ich versuche, nicht zu weinen. Mein Kind hat schon zu viel gesehen, O-Ton gestern am Telefon mit der Oma in Deutschland: “Oma, hast du gesehen, was in Japan passiert ist? Die ARMEN MENSCHEN!!!”. Ich weiß, dass solche Eindrücke für Kinder viel bedrohlicher sind.

Kinder. Ich rieche es, ich sehe es, und ich weiß genau, wie es sich anfühlt, dort in den Straßen der Küstendörfer, in Japan, oder in Tokio. Ich war dort als Kind, ich erinnere mich gut. Und ich wollte eines Tages wieder dort hin zurück, auf den Spuren meiner Kindheit wandeln. Vielleicht wird das nie mehr möglich sein, Tokio könnte kontaminiert werden und über Jahrhunderte (Jahrtausende?) hinweg nicht bewohnbar sein. Noch weiß keiner, wie es ausgehen wird, aber es ist schlimm, und es könnte noch viel, viel schlimmer werden. Und überhaupt, wohin mit 35 Millionen Menschen? Die armen, gebeutelten Menschen würden sicher dort wohnen bleiben und die statistisch hohe Lebenserwartung der Menschen in Japan schnell senken. Nicht auszudenken, was für eine Art Strahlung wie weit reicht und was diese anzurichten in der Lage ist. Was ein Alptraum. Es verfolgt mich bis in den Schlaf – wie muss es erst für die Menschen dort sein?

Nicht zu vergessen natürlich anderswo die Menschen, die lieber sterben, als in Unfreiheit zu enden. Rebellen, die von einer arabischen “Witzfigur” (wenn sie nicht so traurig wäre), getötet werden, wenn nicht noch viel schlimmeres. Völkermord, weil ein Despot meint, über Millionen andere herrschen und entscheiden zu müssen. Mütter, die ihre Söhne verlieren und wahrscheinlich verzweifelt versuchen, ihre Familien und Kinder zu retten und durchzubringen.

Mütter, genau. Warum habe ich ein Kind in diese Welt gesetzt? War das nicht wahnwitzig? Unglaublich verantwortungslos? Was wird dieses Kind in seinem Leben vielleicht noch zu sehen bekommen, erleiden müssen? Die Welt ist im Aufruhr, und wir können nichts tun außer uns Sorgen machen, was unseren Kindern vielleicht zustoßen könnte. Das ist viel schlimmer, als würde es nur um uns selbst gehen.

Da ess ich doch gleich noch ein Stück Kuchen. Warum soll es mich kümmern, ob ich dick oder dünn bin? Morgen ist vielleicht schon wieder alles vorbei, wir könnten wahlweise verstrahlt oder verschluckt oder Krebs bekommen oder einfach vom Auto überfahren werden. Da nehm ich doch heute noch mit, was ich mitnehmen kann. Scheiß drauf.