Danke

Wie jedes Jahr ist es mir an Silvester wichtig, auszumisten und mit weniger Müll sowie positiven Gedanken ins neue Jahr zu gehen. Menschen, die nicht mehr dazugehören werden genauso gestrichen wie alte Kleider weggeworfen. Altpapier, Müll, Altglas, alles raus aus dem Haus, symbolisch möchte ich einfach nicht mit Altlasten ins neue Jahr gehen.

Ob es hilft ist natürlich eine andere Sache. Leider waren die letzten 2 Versuche diesbezüglich nicht so erfolgreich. 2010 und 2011 waren, gelinde gesagt, nicht besonders prickelnd, so dass ich jetzt etwas skeptisch bin, und da ich ja von je her ungern Silvester gefeiert habe, heute nicht besonders glücklich ob der Tatsache, dass eben Silvester ist. Und ich fröhlich sein muss und anstoßen. Auf was eigentlich? Dass das vergangene Jahr vorbei ist? Ok, gern. Aber aufs neue Jahr? Da kann ich doch noch nicht drauf anstoßen, weil ich noch nicht weiß, wie es wird. Aber wie sagt Biggie so schön und weise in ihrem jungen Alter, eigentlich hat man ja jeden Tag die Gelegenheit für einen Neuanfang und für gute Vorsätze und Ausmisten. Na ja so ungefähr jedenfalls habe ich es aufgefasst. So gesehen hätte ich eigentlich im August Silvester feiern sollen, denn da wendete sich das Glück für mich – und es wurde stetig besser statt schlechter.

Wahrscheinlich seit längerer Zeit, als ich zugeben möchte, spukte der Satz „etwas muss sich ändern“ in meinem Kopf herum. Und eines Tages beschloss ich, als diese Tatsache einfach nicht mehr zu übersehen war, das Universum anzurufen und um Zeichen zu bitten. Die Zeichen kamen, und wie. Meine Facebook-Freund waren dabei.

Die letzten 3 Monate waren definitiv die besten seit langem. In Deutschland fühle ich mich wohl, wir haben Spaß, die Fluten in Form von Alpträumen haben so gut wie aufgehört, und ich kann zuversichtlich, wenn auch mit einem weinenden Auge, ins neue Jahr gehen. Wie sagt Khalil Gibran so treffend,

(…)
“Je tiefer sich das Leid in euer Sein eingräbt, desto mehr Freude könnt ihr fassen.”
(…)

Ja, und viele andere schöne Worte hat er von sich gegeben, aber ich will mich jetzt mal auf mein eigentliches Anliegen konzentrieren. Er hat tatsächlich Recht. Die beiden Dinge liegen direkt beieinander. Nur wer mich gut kennt, weiß, dass hinter dem Lachen auch ganz viel Trauer steckt, hinter dem Humor ganz viel Schmerz. Aber das wird wohl noch eine ganze Weile so bleiben, und irgendwie ist es ja auch schön, denn so sind die geliebten Menschen nicht ganz weg.

Aber was ich jetzt eigentlich sagen wollte ist, Danke.

Nun werde ich sicher den einen oder anderen vergessen aufzuzählen, denn ich bin mit zahlreichen tollen Menschen in meinem Leben gesegnet, und ich säße bestimmt noch nächstes Jahr daran, wenn ich wirklich ALLE erwähnen wollte. Und das wäre ein Unterfangen, mit dem ich dann gar nicht erst anfangen würde.

Also, bitte nicht böse sein, wenn ich jemanden „vergessen“ haben sollte…

Mein ganz besonderer Dank gilt

  • dem Universum, das viele ganz besondere „Zufälle“ zur rechten Zeit vorbei geschickt hat;
  • Frank und Petra, die zur rechten Zeit am rechten Ort Urlaub machten, so dass ich bereits einen neuen Arbeitgeber hatte, bevor ich überhaupt entschieden hatte, in welche Stadt ich (zurück)ziehe. Es ist schon erstaunlich, wie so manche Begegnungen mit Menschen die ganze Zukunft beeinflussen können – und wer weiß, wie es so weitergeht, hier in Oldenburg, unserer neuen Zufallswahlheimat;
  • Gaby, die mir immer in akuten Notfallsituationen hilft und mich bei dem schwersten Gang meines Lebens begleitet hat – nämlich mich für immer von meinem Vater zu verabschieden, ein paar Wochen bevor er starb und wir noch nicht entschieden hatten, Griechenland ganz zu verlassen – nach wie vor kann ich dieses nicht ohne Tränen schreiben;
  • Kirsi und Martin, die mir zwar überrascht aber spontan und hilfsbereit zur Seite standen bei Haus- und Autoangelegenheiten, als ich im August durch Deutschland rauschte und so viel in kurzer Zeit organisieren musste, um in „ihre“ Stadt zu ziehen;
  • meiner Mutter, die schon weiß, warum;
  • Martina Kempff, die mir seit Jahren immer mit Rat und Tat und sowie positiver Unterstützung zur Seite steht, egal, wie ich mich entscheide, und ihrem Mann Michael;
  • Biggie, die aus ihrer Sicht sicher am unrechten Ort zur falschen Zeit Urlaub machte, aber mir die wohl schwerste Zeit meines Lebens durchzustehen half, und die mich immer so schön zum Lachen bringt;

– Und nun wird es chaotisch und hat eigentlich keine Reihenfolge mehr, weil mir die Menschen an meiner Seite schneller einfallen, als ich tippen kann -;

  • Kate, meiner Herzensschwester, die mich bei sich wohnen ließ, meine Hunde beherbergte und uns unsere letzte Katze abnahm, die wir nicht mitnehmen konnten, und der ich noch einiges andere zu verdanken habe – Kate you know what I have to thank you for, and only you know how much I miss you! –
  • Kay, der mir auf seine Weise in schweren Stunden zur Seite stand, und der sich auch für den einen oder anderen Hinterntritt nicht zu schade war;
  • Ilka Seidel, die als langjährige Freundin und meine „Versicherungstante“ den Überblick behielt und mir viele Dinge erheblich erleichterte;
  • Delia und Herry, die fast meine gesamte Habe in ihrem großen Wagen nach Deutschland mitgenommen und eine Weile gelagert haben, so dass ich nicht komplett neu anfangen musste,
  • Peter, Jacob, Dagmar & Eltern, Norbert und Kate, die mir mit tatkräftiger Umzugshilfe beigestanden haben (O-Ton Peter „denk dran, das musst du alles neu kaufen, wenn du es nicht mitnimmst”), sowohl in Griechenland als auch in Deutschland;
  • Petra Guckelsberger, mit der ich noch vor meiner Zeit in Griechenland schöne, verrückte und lustige Reisen nach Südfrankreich unternommen habe, und die spontan entschied, uns für unsere letzte Abschiedsfahrt nach Griechenland zu begleiten, und der wir für immer dankbar dafür sein werden (und die unsere „Arche Noah“ in die Fahrt mit „Hund, Katze, Maus“ umtaufte);
  • Silvia und Jürgen, die mir immer ganz besonders zur Seite standen und mich positiv unterstützen, egal wie ich mich entscheide, und die mir halfen, mehrere meiner Katzen unterzubringen (wie sie mir in den ganzen Jahren, zumindest seit 2002, tierschutzmäßig unglaublich behilflich waren);
  • PcPete und Ulrike, Gillian, Orit und Kate, die wissen, in welch schweren Stunden sie mir, und nicht nur mir, ihre Unterstützung boten;
  • Petra Scheiblich, Kirsten Arkoulis, Michaela Shuku vielen Dank für eure Tipps, euren Rat und eure tatkräftige Hilfe, obwohl ich euch verließ – ich vermisse euch auch –;
  • Daniela de Matteis, die mir immer mit gutem Beispiel vorangeht – von dir habe ich gelernt, „geht nicht“ gibt’s nicht;
  • Lydias Vater, der uns keine Knüppel zwischen die Beine warf und seine Tochter ohne Querstellen in ein anderes Land ziehen ließ;
  • Eranie und Ela, Hannelore, Daniela Riess-Christou, Herbert Fittinghoff und Christine Bietz, Petra Be, die mich immer positiv unterstützen – mit Rat, Tat und Motivation, ebenso für euer Mitgefühl;
  • Renata und Vicky, unseren besonderen Freunden aus Paros, die sich zusammen mit uns auf das Abenteuer Deutschland eingelassen haben und uns jetzt  – in unserer WG – das Gefühl geben, eine richtige Familie zu sein, und die mit uns lachen bis zum Abwinken;
  • Unseren neuen Freunden und Nachbarn in Oldenburg, besonders Werner, Lynn, Wenke, Kerstin und Gabriela – natürlich auch wieder Frank und Petra – dass ihr uns das Gefühl gebt, willkommen zu sein – und Britta leider hatte ich noch keine Zeit für ein Treffen, ich hoffe, wir schaffen es sehr bald!
  • George Gritsis für immer tolle Unterstützung, guten geistigen Austausch und pragmatische Unterstützung in Sachen ich gegen (griechischen) Vermieter;
  • Meinen alten Freunden Gaby, Ilka Seidel, Ilona und Daniela Schaa, Holger – leider habe ich es noch nicht geschafft, mich bei allen zurückzumelden -, dass ihr uns wieder mit offenen Armen empfangen habt – es ist für mich der absolute Luxus, mich „mal eben“ mit euch treffen zu können –;
  • Ralf Dorschel für die immer positive, ehrliche und humorvolle Unterstützung, auch wenn ihm mal nicht gefällt, was ich so tue;
  • Susanne und Andreas Michels für eure Freundschaft, die sich einfach so im „real life“ fortsetzen ließ;
  • Sandra Wykhoff für viele aufbauende Worte;
  • Meinem Onkel Dieter und meinen Cousins sowohl in Deutschland als auch in England, die mich herzlich willkommen geheißen haben;
  • Elke Gillich, die mir in früheren Jahren viel beigebracht hat, das mir jetzt nützlich war, und die stets eine inspirierende Freundin ist;
  • Sowie „meine“ gesamte Facebook-Gemeinde und Blog-Leser, die mir sowohl mit konstruktiver Kritik als auch Tipps und Rat und Tat zur Seite stehen!

Und nun verließen sie ihn, ich muss mit den Kindern das Abendessen vorbereiten.

Aber nicht, ohne noch ein abschließendes Zitat, denn… was wäre mein Leben ohne Menschen?

‎”Some people go to priests; others to poetry; I to my friends.”  ~ Virginia Woolf

“Alles wird gut”

Zwischen Himmel und Erde,
Licht und Dunkel,
Herz und Verstand;
was ist
dazwischen,
das ich nicht
erfassen,
sehen,
fühlen
und
verstehen
kann?
Welche Kraft waltet,
die mein Herz berührt,
die Erde um die Sonne kreisen,
mich Entscheidungen treffen
lässt
und mir Zufälle beschert,
die mich im Wechsel fordern
oder tragen?
Wer bist du,
der mir so glaubhaft
und hartnäckig
die Botschaft zukommen lässt
“alles wird gut”?

Zwischen Himmel und Erde,
Licht und Dunkel,
Herz und Verstand;

was ist
dazwischen,
das ich nicht

erfassen,
sehen,
fühlen
und
verstehen
kann?

Welche Kraft waltet,
die mein Herz berührt,
die Erde um die Sonne kreisen,
mich Entscheidungen treffen lässt
und mir Zufälle beschert,
die mich im Wechsel fordern
oder tragen?

Wer bist du,
der mir so glaubhaft
und hartnäckig
die Botschaft zukommen lässt

alles wird gut?

.
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.

Heute vor 4 Monaten starb mein Freund. Er war, ohne Alkohol, einer der liebsten Menschen auf dieser Erde, gütig, humorvoll, mein Fels in der Brandung. Bis er leider nicht mehr stark genug war, auf einmal, irgendwie, weiß der Himmel warum. Er wird immer ein Teil meines Lebens sein, kein Tag vergeht, an dem ich nicht an ihn erinnert werde. Wenn ich an Gott glauben würde, würde ich jetzt sowas sagen wie “Gott hab ihn selig” und ihr würdet “Amen” sagen. Also an was glauben?

Danke an all die Menschen in meinem Leben, die mich tragen. Trotz alledem. Alles wird gut.

Moin!

Lang, lang ist’s her. “All is well” war quasi der Abschluss eines Lebens, zugleich eines Lebensabschnitts, und mit Moin eröffnen wir ein neues Kapitel.

Moin, oder moin moin also! Sie sagen es übrigens immer, überall, morgens-mittags-abends, zu jeder Gelegenheit und ich hatte anfangs ganz viel Mühe, Lydia zu erklären, dass sie eben nicht abends guten Morgen sagen, sondern dass es ein eigenständiges Wort ist. So wie die Griechen sich dauernd Gesundheit wünschen, mit der kleinen, aber feinen Begrüßungsformel “Γεια (σου oder σας)” – siehe Link – begrüßt man sich hierzulande mutmaßlich mit “schön”, zumindest nach Auffassung der Ostfriesen. Ich habe den Wikipedia-Link durchgelesen und bin geneigt, mich den Ostfriesen anzuschließen. Ich finde, das ist die schönste Erklärung. Da! Passt doch perfekt!

Apropos Ostfriesland, Boah ist das schön hier. Neulich haben Lydia und ich einen Ausflug ans Meer gemacht, ok es war nicht ganz das offene Meer, sondern der Jadebusen, aber es war Strand, es war schönes Wetter, es gab Sand, und Lydia hatte ganz viel Spaß. Sie hatte mir ja nicht glauben wollen, dass es nur 40 km von uns entfernt “ein Meer” gibt. Ok, der Sand – eher Schlick – war sicher gewöhnungsbedürftig, aber es war warm, obwohl Oktober, und es war schön. Hat sich “voll gelohnt” bestätigte auch Lydia. Und ich konnte mich nicht sattsehen. Ostfriesland ich komme! sicher nochmal wieder.

Apropos schön, neulich sind wir nach dem Besuch bei einem Baumarkt einfach mal links irgendwo abgebogen, direkt vor einem Fluss, ich weiß bis heute nicht genau, wo das war, aber es war Sonnenuntergang, und er war genau so farbenfroh und hat sich im Fluss gespiegelt wie im Meer vor Paros. Als ich Lydia fragte “na, ist das schön, oder ist das schön” antwortete sie nur mit “Mama, bist du blind oder was, hier ist ALLES SCHÖN”. Ok, Mama hält auch schon die Klappe!

Wir hatten ja ganz viel Glück mit dem Wetter, bis zum letzten Wochenende einschließlich, also Anfang Oktober, war es noch sommerlich warm. Eigentlich schien immer die Sonne, und auf dem Kramermarkt war mir viel zu heiß. Da dachte ich noch: nun bin ich den ganzen Weg nach Oldenburg gekommen, und mir ist immer noch zu heiß! Aber auch das ging vorbei, und nun ist es wüst draußen, stürmisch, regnerisch, und Lydia macht mich dauernd darauf aufmerksam, wie es draußen regnet. Ich muss aber feststellen: ich mag es. Man kann sich warm anziehen, und ich mochte schon immer die Elemente spüren. Und Regen habe ich nach Jahren der Dürre in Griechenland sowieso zu schätzen gelernt. Jeden Winteranfang habe ich gehofft: möge es BITTE BITTE genug regnen! Nun habe ich Regen satt, wer weiß, wann ich seiner überdrüssig werde? Wir werden es sehen, sicher werde ich es euch mitteilen.

Nicht mögen tun den Regen bereits jetzt unsere Hunde, ich muss sie quasi unfreiwillig rauszerren, und Lydia meinte schon, wir bräuchten ein Hundeklo. Wie praktisch sind dagegen Katzen, auch wenn es stinkt, bäh. Ich habe schon ernsthaft erwogen, Hunderegenjacken und -stiefel zu besorgen. Ob es sowas wohl gibt? Oder ob sie sich vielleicht noch daran gewöhnen? Auf jeden Fall werde ich, bevor ich sie in den ersten Schnee hinauslasse, mich vorher mit meiner Kamera auf die Lauer legen, um die Gesichtsausdrücke aufzunehmen, sowohl der Hunde als auch der Katzen! Das wird ein Spaß, und Lydia kann es sowieso nicht abwarten.

Ab und zu überkommen mich dann schon mal Fragen. Wenn meine fotografierenden Facebook-Freunde Wolkenbilder vor Sonnenuntergängen, oder Sonnenuntergänge hinter Inselketten ins Netz stellen (zum Beispiel der Cloud Appreciation Club – Greece), dann wundere ich mich plötzlich. Genau so surreal, wie ich mir manchmal in Griechenland vorkam, so nach dem Motto “was mache ich hier eigentlich, wie komme ich hier überhaupt her?”, überkommt es mich hier auch gelegentlich. Wie bin ich plötzlich nach Oldenburg gekommen? Warum? Wieso? Weshalb? Es ging ja alles so schnell, musste, dass ich im Grunde die ganze Zeit nicht realisierte, was ich tat. Aber, bevor einige von euch sich zu früh freuen, nein, frei nach Edit Piaf, je ne regrette rien. Weder das eine, noch das andere.

Ich weine Griechenland nicht nach, Inselketten hin oder her. Ich habe genug Inselketten vor dem Horizont fotografiert, dass es für ein Leben reicht. Außerdem kann ich ja, erstens, gelegentlich wieder zurück, und zweitens gibt es auch noch andere schöne Fotomotive. Wetter ist nicht alles. Inselketten auch nicht. Es war eine Erfahrung. Es waren sehr intensive, lebensechte, ereignisreiche Jahre, von denen ich sicher noch lange zehren werde, die mir viel beigebracht haben, wie viel kann ich sicher noch nicht einmal erahnen, und das schönste durfte ich ja zum Glück mitnehmen, nämlich das süßeste Kind aller Zeiten. Das jetzt im Bettchen schlummert mit der ersten, richtig schlimmen Erkältung. Weswegen ich gleich an meinem zweiten Arbeitstag wieder zuhause bleiben durfte. Musste. Sehr zu meinem Kummer – Ärger ist nicht das richtige Wort -, aber siehe da, mein neuer Arbeitgeber ist voll cool und ungestresst, zum Glück. Das gibt sich alles.

Genau, so ist es. Bisher ist alles toll. Bisher war jeder nett zu uns, überhaupt finde ich die Leutchen hier absolut reizend, die Schule ist toll, 500m von uns entfernt, sehr bemüht und Lydia geht gern hin, allein mit dem Rad sogar! Aber ich bin schon groß und ich weiß, dass es auch andere Zeiten geben wird. Genau wie es auf Paros Höhen und Tiefen gab. Ein paar Tiefen zum Schluss zur Genüge, so dass ich jetzt hoffe, davon eine Zeitlang verschont zu werden. Die hab ich noch nicht verdaut. Immer noch erwarte ich Emails von Chris, kann es nicht realisieren, dass er tot ist, dass mein Vater tot ist – der 5. Juli und der 1. August – aber das Leben geht weiter, und vielleicht, vielleicht schauen sie uns ja zu und möchten, dass es uns gut geht. So nicht-gläubig wie beide waren; vielleicht segnen sie da oben zusammen unseren weiteren Weg und halten eine schützende Hand über uns. Und wenn nicht, stellen wir uns einfach vor, da draußen sind Menschen, die uns liebten und uns jetzt wohlwollend beschützen, das hilft sicher auch.

Apropos Menschen. Ich mag Menschen. Ich bin noch nicht lange hier, aber habe bereits neue Menschen in mein Herz geschlossen, und ich empfinde es als echten Luxus, neue Menschen kennen lernen zu dürfen wie “die alten” jetzt wieder einfach so öfter sehen zu können. Wie sagte Gaby, “jetzt ist es ja nicht mehr so weit zu euch”. Schön, dass wir einfach so wieder aufgenommen wurden. Schön, dass wir neue Menschen kennen lernen dürfen.

People. The essence of my life. Oder auch: My home is where my friends are.

Ich würde sagen: alles gut. All is well. Bis zum nächsten Mal, ich muss ins Bett!

All is well

Call me by my old familiar name.
Speak to me in the easy way
which you always used.
Put no difference in your tone.
Wear no forced air of solemnity or sorrow.
Laugh as we always laughed
at the little jokes we enjoyed together.
Play, smile, think of me, pray for me.
Let my name be ever the household word
that it always was.
Let it be spoken without affect,
without the trace of a shadow on it.
Life means all that it ever meant.
It is the same that it ever was.
There is absolutely unbroken continuity.
Why should I be out of mind
because I am out of sight?
I am waiting for you,
for an interval,
somewhere very near,
just around the corner.
All is well.

“Death is nothing at all.

I have only slipped away into the next room.

I am I and you are you.

Whatever we were to each other,

that we still are.

Call me by my old familiar name.

Speak to me in the easy way

which you always used.

Put no difference in your tone.

Wear no forced air of solemnity or sorrow.

Laugh as we always laughed

at the little jokes we enjoyed together.

Play, smile, think of me, pray for me.

Let my name be ever the household word

that it always was.

Let it be spoken without affect,

without the trace of a shadow on it.

Life means all that it ever meant.

It is the same that it ever was.

There is absolutely unbroken continuity.

Why should I be out of mind

because I am out of sight?

I am waiting for you,

for an interval,

somewhere very near,

just around the corner.

All is well.”

 

(by Henry Scott Holland (1847-1918)Canon of St. Paul’s Cathedral)

Diese schönen Worte erreichten mich heute in der Kondolenzkarte für Chris († 01.08.2011).

Obwohl ich den ganzen Vormittag brauchte, um sie zu Ende zu lesen, finde ich sie wunderschön.

Ist es Zufall, dass ich ausgerechnet bei meinem letzten Gang zu meinem griechischen Postfach diese Karte vorfand? Ist es eine Nachricht des Universums, die mir helfen soll, loszulassen und positiv in die Zukunft zu schauen?

Man könnte es fast denken.

Egal, ich finde sie so schön, dass ich sie mit euch teilen möchte. Möge der eine oder andere an einen Menschen denken, den er verloren hat.

Am Sonntag verlassen wir Paros auf dem Weg in unser neues Leben.

Hit the road, Jack!

Morgen ist es soweit; wir werden uns wieder auf den Weg begeben. Diesmal in umgekehrte Richtung. Am 11.08. sind wir in Frankfurt/M gelandet, und morgen, am 24. August, geht es nach Paros zurück, um dann endgültig Abschied zu nehmen.

Wir haben hier verrichtet, was zu verrichten war und dabei ganz viel Glück gehabt. Eine wunderschöne Wohnung gefunden – die Vermieterin hat sogar eine Woche auf mich gewartet, bis sie uns traf und entschied, dass sie uns die Wohnung geben würde – wir können übrigens beide Hunde mitnehmen und die 2 Katzen, die wir behalten, und auf den Mietvertrag musste ich auch keine 9 Monate warten -; meine Möbel haben wir aus Köln schon abgeholt und in der neuen Wohnung schon unterstellen dürfen, ein Auto habe ich gekauft, für meine Freunde die Einkaufslisten abgearbeitet; wie schön, dass mein Job auf mich wartet – soviel zu “in Deutschland hat keiner auf dich gewartet” – und nun geht es, wieder mal ein paar Freunde unterwegs abklappernd, in Etappen über Nürnberg, München und Italien zurück.

Mit gemischten Gefühlen; dort werde ich alle losen Enden aufnehmen müssen, mein Auto verkaufen, die Wohnung auflösen, einige Behördengänge verrichten, mal nebenbei für einen Reiseführer schreiben – einer meiner neuen Nebenjobs übrigens -, und und und. Am schwersten wird es uns natürlich fallen, uns von allen lieben Menschen zu verabschieden. Aber ist das nicht ‘the story of my life’? Mein ganzes Leben habe ich mich von Menschen, die mir ans Herz gewachsen waren, verabschieden müssen. Heute gibt es zum Glück das Internet, da kommt einem die Welt kleiner vor, und die Entfernungen sind überbrückbarer.

Damals, als ich nach Paros ging, habe ich viele, viele Menschen zurückgelassen und schmerzlichst vermisst, jahrelang. Nun wird es umgekehrt sein, und ich bin gesegnet mit Freunden, die mich hier mit offenen Armen wieder aufgenommen haben, so selbstverständlich, als hätte man sich gestern erst zum Kaffee gesehen. Unterstützt haben sie mich, wo es nur ging – was mich zu der von einigen beanstandeten Behauptung verleitete, ohne meine Freunde wäre ich ein Nichts. Ob sie uns in ihrem Hause haben wohnen lassen, mir beim Autokauf halfen, sich für mich Wohnungen anschauten, mir beim Möbel schleppen halfen, mich aus der Ferne positiv unterstützten und mit Rat und Tat zur Seite standen, und und und, ohne sie hätte ich das alles nicht in so kurzer Zeit hingekriegt, und dafür bin ich sehr dankbar. Sogar der nette *Vor*mieter meiner Wohnung hat mit angepackt, überhaupt waren hier alle Leute so unglaublich nett zu mir – zeitweilig hatte ich den Verdacht, auf meiner Stirn klebte ein Schild, auf dem stünde “bitte besonders nett sein”.

Überhaupt macht Deutschland einen wahnsinnig guten Eindruck auf mich, und mein Heimweh nach Paros hält sich stark in Grenzen. Ich freue mich auf neue Horizonte, darauf, alle meine alten Freundschaften wieder aufleben zu lassen und Menschen, die ich jahrelang vermisst habe, um mich haben zu dürfen, darauf, mit Lydia und den Hunden in der Natur um unsere neue Wohnung herum spazieren gehen zu können und na ja, vieles mehr, aber ich will euch ja nicht langweilen.

Nun will ich euch mal “adé” sagen. Die Nächte sind nach wie vor schwer – fast jede Nacht fragt mich jemand im Traum “wo ist Chris” und ich antworte, es immer noch nicht glaubend, vielleicht ist das ja auch der Sinn dieser Träume, “er ist tot”. Weiter kann ich momentan nicht denken.

Alles zu seiner Zeit. Wir melden uns, bis bald.

Worte, die es nicht gibt

Nein, Worte gibt es nicht, die beschrieben können, wie ich mich fühle. Wenn ich mich überhaupt irgendwie fühle, denn ich bin am Rotieren, ich versuche das Unmögliche zu schaffen und innerhalb von nur wenigen Wochen – am liebsten wären mir sogar Tage -, meinen kompletten Haushalt, unser komplettes Leben, von einem Land ins andere zu verlegen. Das Leben auf den Kopf stellen, den Gefühlen davonlaufen, aber natürlich ist mir klar, dass sie mich irgendwann einholen.

Ab und zu schaffen sie es auch. Es ist unglaublich, wie viele Erinnerungen man mit sich herumträgt, wenn man 5 Jahre seines Lebens mit jemandem zusammen war. Jeder Löffel, eine Szene im Fernsehen, ein Bild, eine Situation, Komik, die dem anderen gefallen hätte, tausendmal am Tag gibt es Momente, die einen erinnern. An die Person, die nicht mehr da ist. Die Person, die ein lieber Mensch war, aber leider, wie 9 von 10, den Kampf dem Alkoholismus verloren hat. Überhaupt gar nicht erst aufnehmen konnte. Sucht tötet, und ich weiß jetzt wie. Alkohol ist allgegenwärtig, und hast du das Pech, Alkoholiker zu sein, kann ich mir sehr gut vorstellen, wie schwer es sein muss, zu gewinnen. Alkohol ist überall. Allein am Flughafen, als ich kürzlich mit Lydia anstand, um nach Frankfurt zu fliegen, war Jack-Daniels-Werbung am Bildschirm der Airline. Höhnisch, kam es mir vor, strahlten mich diese Buchstaben an. Warum? Jack Daniels schaute auf mich herab und ich fragte mich, welche Kraft ist hier am Werk, dass sie Menschen so zerstören kann? Wieso werden manche Menschen zu Alkoholikern, und manche nicht? Wieso schaffen es manche, trocken zu werden und zu bleiben, und manche nicht? Wann werden die Erinnerungen schwächer werden, wann wird die Trauer mich nicht mehr einkreisen und zuschlagen, wenn ich gerade nicht damit rechne?

Aber ich erwarte zuviel. Wenn ein Mensch gestorben ist, oder gar zwei, kann man nicht erwarten, dass es einem gleich wieder gut geht. So muss man weitermachen, und stark sein, wie immer. Und sich dem stellen, wenn es zuschlägt. Noch eine Runde und noch eine, macht nix, Unkraut vergeht nicht, und je mehr ich erlebe, desto stärker, weiß ich, bin ich. Und trotzdem, erfahre ich, liegen Freud und Leid dicht beieinander. Man kann auch fröhlich sein, und genießen. Trotzdem. Wie sagt Khalil Gibran so schön, der alles in wunderschöne Worte zu fassen verstand:

“Je tiefer sich das Leid in euer Sein eingräbt, desto mehr Freude könnt ihr fassen.”

Zwei Todesfälle und eine Reise

Ja, eine Reise – keine Hochzeit -, und tatsächlich 2 Tote, innerhalb eines Monats. Der eine ist schon Asche und verbuddelt. Er hat gelitten, der Krebs hat ihn zerfressen, aber zum Glück konnten wir noch Abschied nehmen.

Beim anderen versucht man vermutlich gerade, die genaue Todesursache festzustellen. Das brauchen die nicht. Er hat den Kampf gegen den Alkoholismus verloren, muss man mehr wissen? Abschied gab es eigentlich gar nicht, und der Rest war nicht schön.

Jetzt liegt ein Mensch, aus Fleisch und Blut, den ich in- und auswendig kannte, vermutlich zerschnippelt auf einem Seziertisch.

Zwei Menschen, die mir viel bedeuteten, aber ich kann nicht trauern. Ich nehme sie mit nach Deutschland, denn ich sitze gerade zwischen Hausrat und Kartons und muss funktionieren. Was geht mit, was bleibt hier, geht wohin? 6 Tage noch, und ein Wagen fährt mit dem Großteil meines Lebens nach Deutschland.

Lydia und ich fliegen kurz darauf, um eine Wohnung zu suchen. Die Toten im Gepäck, und so vieles mehr.

Und bevor hier jemand meckert, weil ich nicht schön umschreibe – man könnte ja auch “Verstorbene” sagen – nein, ihr wisst doch, warum mein Blog “Ungeschminkt” heißt. Ich nenn die Dinge lieber beim Namen. Auch wenn sie Scheiße sind.

Wer ohne Sünde ist

Immer wieder interessant, das Leben :-)

Wie man plötzlich in eine Form gepresst wird, in der man vorher wahrscheinlich schon in den Augen mancher Mitmenschen war, ohne es zu wissen. Nun bricht man aus, wagt was neues, tut was unerwartetes, und plötzlich kommen sie von allen Seiten (und ich meine NICHT ausschließlich meinen Blog!).

“Hast du dir das auch gut überlegt?” (Nein, ich hab halt sonst nix besseres zu tun!)

“Deutschland hat nicht auf dich gewartet.” (Ach was?)

“Du wirst ohne Paros nicht leben können.” (Schon mal 15 Jahre auf einer Insel von ein paar Quadratkilometern zugebracht? Woher weißt du, was ich kann und nicht?)

“Wie kannst du nur deine Tiere alle abgeben.” (Wie habe ich das die ganzen letzten Jahre gemacht, mit den Viechern, die ich aus dem Müll gefischt und aufgepäppelt habe, aber nicht alle behalten konnte?)

Da sind die Missgünstigen, für die ich nur ein “Google-Ergebnis” bin, die aber erstaunlich genau Bescheid zu wissen meinen – und sehr schnell urteilen, zynisch, abwertend – das ist deren Problem, nicht meins, was kratzt mich das mehr als ne Kakerlake im Bad? Oder die Träumer, deren Hoffnungen ich jetzt vielleicht zunichte mache?

Immer wieder schön ist die überwältigende Menge an positivem Zuspruch, Hilfsangeboten, Tipps, Glauben an mich. Die, die einfach Anteil nehmen, und dennoch eine Meinung haben, die mir konstruktiv weiterhilft. Ich kann nur meinen gerührten, zutiefst schätzenden, 1000fachen Dank melden!

Aber letztendlich – entscheiden kann ich nur für mich, und für meine Tochter, nach bestem Wissen und Gewissen – wer hätte das gedacht. Wer mich kennt oder diesen Blog aufmerksam gelesen hat wird sicher sein, dass ich nicht leichtfertig entscheide. Da nützen auch dauernde Hinweise auf schlechtes Wetter in Deutschland nicht, na wenn das meine einzige Sorge wäre.

Es glaubt doch wohl hier niemand ernsthaft, dass ich “es” in Deutschland nicht auf die Reihe kriege, oder? Und wer doch, der soll mir das doch mal vormachen, 15 Jahre in Griechenland zu überleben – davon 6 Jahre allein, mit Kleinkind.

Nein, ich habe keine Angst. 15 Jahre Griechenland haben mich gestählt. Ich weiß, was für mich und mein Kind das beste ist. Und ich freue mich auf Deutschland. Ich freue mich auf Neues in meinem Leben, eine gute Schulbildung für meine Tochter, keine dauernde Angst vor einer Massenarmut, keine HIV-und Syphilis-Tests für einen Rezeptionsjob, und vieles, vieles mehr.

Ich habe auf die Zeichen gewartet und sie sind gekommen. Ich lasse alles passieren, wie es soll, und stress mich nicht. Wenn der erste Anlauf nichts wird, dann eben der nächste. Vorm Verhungern habe ich in unseren Breiten keine Angst.

Nun habe ich also bereits Arbeit gefunden (tut mir ja echt leid, Rainer!), die mich nach Oldenburg führt, also nix Bremen – aber irgendwie doch Bremen, da schön in der Nähe. Ein kompletter Neuanfang fühlt sich einfach richtig an.

(Wer mithelfen möchte: wir suchen jetzt in Oldenburg eine Wohnung, wo Tierhaltung erlaubt ist, da wir einen Hund und 2 Katzen behalten!).

Darum: Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.

Und wenn die Erde eure Glieder fordert

Für meinen Vater, der gestern, am 05.07.2011, nach langem Leidensweg von uns ging:

Vom Tod
Dann sprach Almitra: Wir möchten nun nach dem Tod fragen.
Und er sagte:
Ihr möchtet das Geheimnis des Todes kennenlernen.
Aber wie werdet ihr es finden, wenn ihr es nicht im Herzen des Lebens sucht?
Die Eule, deren Nachtaugen am Tag blind sind, kann das Mysterium des Lichts nicht entschleiern.
Wenn ihr wirklich den Geist des Todes schauen wollt, öffnet eure Herzen weit dem Körper des Lebens.
Denn Leben und Tod sind eins, so wie der Fluss und das Meer eins sind.
In der Tiefe eurer Hoffnungen und Wünsche liegt euer stilles Wissen um das Jenseits.
Und wie Samen, der unter dem Schnee träumt, träumt euer Herz vom Frühling.
Traut den Träumen, denn in ihnen ist das Tor zur Ewigkeit verborgen.
Eure Angst vor dem Tod ist nichts als das Zittern des Hirten, wenn er vor dem König steht, der ihm zur Ehre die Hand auflegen wird.
Freut sich der Hirte unter seinem Zittern nicht, dass er das Zeichen des Königs tragen wird? Doch gewahrt er sein Zittern nicht viel mehr?
Denn was heißt sterben anderes, als nackt im Wind zu stehen und in der Sonne zu schmelzen?
Und was heißt nicht mehr zu atmen anderes, als den Atem von seinen rastlosen Gezeiten zu befreien, damit er emporsteigt und sich entfaltet und ungehindert Gott suchen kann?
Nur wenn ihr vom Fluss der Stille trinkt, werdet ihr wirklich singen.
Und wenn ihr den Gipfel des Berges erreicht habt, dann werdet ihr anfangen zu steigen.
Und wenn die Erde eure Glieder fordert, dann werdet ihr wahrhaft tanzen.
Khalil Gibran, arabischer Dichter (1883-1931)
Aus: Der Prophet

Vom Tod

Dann sprach Almitra:
Wir möchten nun nach dem Tod fragen.

Und er sagte:
Ihr möchtet das Geheimnis des Todes kennenlernen.

Aber wie werdet ihr es finden, wenn ihr es nicht im Herzen des Lebens sucht?

Die Eule, deren Nachtaugen am Tag blind sind, kann das Mysterium des Lichts nicht entschleiern.

Wenn ihr wirklich den Geist des Todes schauen wollt, öffnet eure Herzen weit dem Körper des Lebens.

Denn Leben und Tod sind eins, so wie der Fluss und das Meer eins sind.

In der Tiefe eurer Hoffnungen und Wünsche liegt euer stilles Wissen um das Jenseits.

Und wie Samen, der unter dem Schnee träumt, träumt euer Herz vom Frühling.

Traut den Träumen, denn in ihnen ist das Tor zur Ewigkeit verborgen.

Eure Angst vor dem Tod ist nichts als das Zittern des Hirten, wenn er vor dem König steht, der ihm zur Ehre die Hand auflegen wird.

Freut sich der Hirte unter seinem Zittern nicht, dass er das Zeichen des Königs tragen wird? Doch gewahrt er sein Zittern nicht viel mehr?

Denn was heißt sterben anderes, als nackt im Wind zu stehen und in der Sonne zu schmelzen?

Und was heißt nicht mehr zu atmen anderes, als den Atem von seinen rastlosen Gezeiten zu befreien, damit er emporsteigt und sich entfaltet und ungehindert Gott suchen kann?

Nur wenn ihr vom Fluss der Stille trinkt, werdet ihr wirklich singen.

Und wenn ihr den Gipfel des Berges erreicht habt, dann werdet ihr anfangen zu steigen.

Und wenn die Erde eure Glieder fordert, dann werdet ihr wahrhaft tanzen.

Khalil Gibran, arabischer Dichter (1883-1931)

Aus: Der Prophet

Kopfschmerzen

Was können wir tun. Nichts als weitermachen und hoffen, dass es nicht so schlimm ausgeht wie wir in der Tiefe unseres Herzens glauben. Nein, ich. Wie ICH in der Tiefe meines Herzens glaube. Wie könnte ich mir anmaßen, für jemand anderen außer mir sprechen zu wollen. Meine paar kümmerlichen Gedanken über unsere Zukunft, das Elend in der Welt, die Zukunft der Kinder, wohl dem, der keine Kinder hat.

Es gibt tatsächlich Leute, die glauben, das ist nur eins von vielen Unglücken und die Welt macht wie immer weiter, wie nach dem 11. September, nach Tchernobyl, nach X, Y und Z. Aber ich liege nachts wach und sehe Plutonium in die Erde sickern, und dann weiter ins Grundwasser, und ins Meer. Sie sagen, dass es sich im Meer verflüchtigt und “kaum Auswirkungen auf die Natur haben wird.” Hmm?

Ich frage mich unterdessen, wann es aus meinem Wasserhahn kommen wird. Darum mache ich immer weiter, halte nie an, packe einen 36-Stunden-Tag in einen von 24, und die Nächte sind kurz, denn ausschlafen mündet in Gedanken, die mich überwältigen wie ein Tsunami. Von den Alpträumen ganz abgesehen, in der Nacht – kein Ort der Erholung – kommt das Wasser und überflutet alles um mich herum. Erholung findet tagsüber statt, wenn ich gestresst bin und nicht nachdenken muss. Ich tue mein bestes, die Gedanken auszusperren, aber immer kann ich nicht davor weglaufen. Ich muss mich dem Leben stellen, meinem Kind, das Fragen stellt, das Wahrheiten hören will und sich nicht abspeisen lässt mit Ausreden, und meinem Blog, und meinem Gewissen, und überhaupt.

Ich kann hier nicht so tun, als wäre nichts geschehen; erst wenn ich diese Hürde überwunden habe, das für mich Unaussprechliche angesprochen habe, wer weiß, wie oft noch, kann ich vielleicht zum Alltag übergehen, über andere Dinge plaudern. Zu unserem Alltag, der sich noch nicht allzu sehr verändert hat, wer weiß, wie lange noch. Plutonium sickert weiter in die Erde. Unsere Erde, die so voller Wunderwerke ist und die wir langsam zerstören, ja wir, nicht sie, obwohl ich zugebe, dass ich sie hasse, diese Wesen, die Atomkraftwerke und dergleichen erfinden und bauen.

Manchmal wünsche ich mir, wir könnten zurück zur Natur. Aber wo ziehen wir die Grenze? Wie sagte mal so schön jemand, zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust. Ich liebe ja meine vielen Geräte, Kameras, Computer, Handy, iPod, die Waschmaschine, die Spülmaschine, und ohne das Internet bin ich nur ein halber Mensch, aber was zahlen wir dafür für einen Preis?

Wie wohl, echt und geerdet fühle ich mich nach einem Nachmittag im Tierheim, mit authentischen Lebewesen um mich herum, in der Natur, frischen Luft und im Dreck. Ja, Dreck ist echt, Dreck ist Erde, und das ist wesentlich. Erde, irgendwann kehren wir alle zurück zu ihr, aber warum müssen wir sie während unseres Lebens vergiften? Wie weit haben wir uns schon von unserer Erde, von der Natur, vom Wesentlichen unseres Seins, entfernt?

Vorgestern hatten wir ein Erdbeben, und ich habe die Vorzeichen gesehen, und doch nicht gesehen. Die Möwen kreischten über mir, so dass ich erst an einen Hitchcockfilm dachte, dann an einen Tsunami, wie kurz davor am Morgen, als das Meer so weit zurückgezogen war und so still, dass es mir ungewöhnlich vorkam. Erst als um 16.29 die Erde kurz bebte – Epizentrum Kreta, 6,3 auf der Richter-Skala – kam mir das wieder in den Sinn. Kurz davor hatte mich eine Übelkeit überfallen, die unerklärlich war, so dass ich im Bett lag und versuchte, mich zu beruhigen, bis das Bett anfing zu knarren und sich zu bewegen, als wäre ein Rottweiler zu mir aufs Bett gestiegen. Ein Rottweiler befindet sich noch nicht in diesem Haushalt, und nachdem ich mich umgeschaut hatte und niemanden sah, fiel mir das schwankende Bücherregal auf. Komisch, das Gefühl, wenn die Erde bebt und das Haus dazu. Meine Übelkeit verflog sofort, aber das schale Gefühl blieb. Getrenntsein von der Natur. Ich hätte es sehen können, voraussehen, war so nah dran, aber habs doch nicht gesehen.

Der Gedanke drängt sich wieder auf: ich muss Ballast loswerden. Zurück zur Natur? Aber wie? Wo ziehe ich die Grenze? Zum Beispiel das Auto. Oder das Handy, und andere Dinge. Auf welchen Luxus verzichte ich, und bin ich nicht heuchlerisch, wenn ich sage, zurück zur Natur, aber meine private Krankenversicherung inklusive Hubschrauber nach Athen beibehalten möchte? Oder wenn ich tierversuchsfreie Kosmetik kaufe – Bodyshop! -, aber weitherhin Medizin aus der Apotheke beziehe? Darf ich als Tierschützerin Fleisch essen, ohne komplett unglaubwürdig zu sein? Nur fürs Protokoll: ich lebe seit 3 Monaten vegetarisch, aber ist das nicht nur der Anfang eines hoffnungslosen Weges? Ein lächerlicher Versuch, mir selbst in die Augen sehen zu können? Wo ziehe ich die Grenze, ohne verrückt zu werden? Wo fange ich an, wo höre ich auf, ohne unglaubwürdig zu sein?

Aber Danke, dass ihr zuhört. Ich erwarte von niemandem, Antworten zu haben. Und leider habe ich heute auch keinen Schokoladenkuchen im Haus.