Von Fußnägeln und Kaugummis

Man ist ja um jeden Gast froh, der nett zu einem ist, so war ich heute überaus dankbar, von zwei höflichen und umgänglichen Amerikanern ein Kaugummi angeboten zu bekommen, während sie ihr Zimmer bezahlten. Ist ja schon mal ein guter Anfang für einen neuen Tag in meiner Rezeption. Noch 8 Wochen. Das heißt 7 Wochen und 6 Tage, wenn man heute als bereits überstanden rechnet. Und ich wirklich dann aufhöre, noch ist nichts in Stein gemeißelt.

Auch andere kleine Dinge helfen mir, den Tag zu überstehen. Zum Beispiel gehe ich jetzt nicht mehr durch die Cafeteria, seit die Atmosphäre da gestern früh so unangenehm war, dass ich schnell Reißaus nahm. Nun gehe ich gleich in meine Rezeption, ohne über Los zu gehen. 2 Hardcore-Lesben und eine irre Tante mit bösem Blick (mein Chef füttert hier ja eine Großfamilie durch), die am frühen Morgen herumkeifen sind zuviel für mich. Es gibt wichtigeres im Leben. Damit kann ich meine Zeit und Energie wirklich nicht verschwenden.

Wahrscheinlich ist unser armer Haussklave auch daran erkrankt, denn er ist verschollen. Angeblich krank, aber wer weiß, ich kann mir vorstellen, dass ihn der böse Blick umgehauen hat. Und die Scheucherei. Kampflesbe Nr. eins ist jedenfalls der Meinung, er hätte ja nur ein Bisschen herumgehustet, dabei wäre sie ja mit 40°C Fieber noch zur Arbeit gekommen. Es lohnt sich nicht, dazu etwas zu sagen, ich spare mir auch da die Energie.

Wo wir gerade von verschollen sprechen, heute ist wohl der Tag der Verluste. Ich habe meinen Freund verloren, na das war schleichend, habt ihr euch sicher anhand der letzten Beiträge denken können, aber unsere Gäste suchen gerade ihre Kamera im Müll der Putzfrau, weil sie sie woanders nicht finden können, und andere suchen ihren Sonnenschirm, den sie bei der Ankunft in unserem Bus verloren hatten, zumindest glauben sie das. Ein großer Aufstand um einen Schirm, lange Wartezeit in der Rezeption, mehrere Telefonate und dann die Suche – so aufwändig habe ich nicht mal nach meinem Freund gesucht. Wir haben noch anderthalb Stunden, wer weiß, was in dieser Zeit noch alles verschwinden kann.

Um vieles ist man ja froh, wenn es sich aus seinem Leben verabschiedet. Wir hatten hier mal wieder super nette Franzosen (ähem, das ist natürlich ironisch gemeint), die es am ersten Tag ja sehr belustigt hat, dass ihnen sogar ein Moped angeliefert wurde. Arrogante Arschlöcher. Heute kriegte ich früh mit, dass sie auschecken wollten und wies sie höflich darauf hin, dass die Checkout Zeit 12h wäre (das wisst ihr ja schon längst, da ich es euch dauernd erzähle, aber hier hatte ich sowas wie eine Vorahnung). Um 12.05h erzählt mir die Putzfrau, dass es ja Dinge gibt, die es gar nicht gibt. Der Typ von der Nummer 17 säße auf seinem Balkon und schnitte seine Fußnägel ins Frühstück des darunter stehenden Tisches hinein. Die Nr. 17? Da fiel mir ein, dass sie ja auschecken wollten. Ich klopfte und wurde missmutig empfangen, und gegen ca. 12.30h durfte ich ihnen endlich die Rechnung aufstellen und ihnen Aufnimmerwiedersehen sagen. Manche Leute haben aber auch eine miese Ausstrahlung.

Noch eine Stunde und 15 Minuten, dann darf ich auch diesen Arbeitstag von der Liste streichen. Dabei habe ich heute relativ wenig Stress gehabt. Mein Kaugummi liegt da noch, gibt mir positive Energie.

Vielleicht schaffe ich es heute ja auch noch kurz an den Strand, auf unserer wunderschönen Insel hier.

Immer wieder aktuell

Gebrochener Flügel

Satzfetzen
schwirren in meinem Kopf herum,
ausgelöst durch eine Möwe
heute Morgen am Strand.
Mit lahmem Flügel
schaut sie mich nervös an
als ich näher komme und erkenne,
dass ich nichts für sie tun kann.
In ihrem Blick liegen Ergebenheit
und eine Art Wissen,
dass ihr Schicksal besiegelt ist.
Oder bilde ich mir das nur ein?

Wie gern würde ich ihr helfen,
aber ich bin hilflos.
So ist das Leben.
Wir können nicht alles kontrollieren,
müssen uns fügen.
Die Frage nach dem Warum
kann ich nicht beantworten.

Auch das ist Einsamkeit.

(zuerst veröffentlicht im Februar 2010)

Schreckensforscher

Ich dachte ja immer, Kleider machen Leute. Anscheinend aber auch Namen. Wie sonst käme ein “Panikforscher” – ich höre zum ersten Mal davon -, ein gewisser Professor Schreckensberg, zu diesem Beruf? Seit ich gestern von der Tragödie der Loveparade hörte und diesen Mann, der passender Weise sogar einem Stephen-King-Roman entsprungen sein könnte, das erste Mal sah, verwischten sich sein Beruf und sein Name in meinem Hirn – siehe Titel. Na ja und genützt hat er nichts. Von stichhaltig geprüfter Sicherheit sprach er. Von ihm für geprüft und gut befunden.

“Dass „Menschen von oben herunterfallen”, sei überhaupt nicht in dem Sicherheitsplan vorgesehen gewesen.”

Tja, Menschen aber auch. Ein Faktor, mit dem sich nicht wirklich rechnen lässt.

Ich finde, das könnte man zum Unsatz des Jahres wählen. Mein ganzes Mitgefühl gilt den Angehörigen, die ihre Lieben so sinnlos verloren haben.

“Ich liebe dieses Griechenland überall”

“Es trägt die Farbe meines Herzens”, sagt Friedrich Hölderlin.

Ich kann ihm nur zu Recht geben.

Griechenland riecht gut, Griechenland ist wunderschön, für die Inselketten am Horizont lebe ich.

Das Meer, die Farben, das Blau, Weiß und Rot. Das Licht.

Die Menschen, das Leben, die Lebensart. Das Essen, die Tomaten. Und so vieles mehr.

Für Kinder ist es ein Paradies, und ich würde mich freuen, wenn wir hier bleiben könnten. Was im Moment nicht mal so selbstverständlich zu sein scheint.

Be careful what you wish for!

Das kommt davon, wenn man sich lautstark wünscht, sein Leben möge aufregender werden: Schaltet Donnerstag den Kerner auf Sat1 ein!

Es hat mich ein paar schlaflose Stunden gekostet, ich war kurz vor einer Panikattacke und schon sind wir im Fernsehen gelandet. Wie das kommt? Ein kreativer Redakteur, der einem schnell die Angst nimmt, ein nettes Team und etwas Abenteuerlust.

Hier ein paar Eindrücke von unserem “Dreh” mit dem netten Team von Johannes B. Kerner für die Sendung am kommenden Donnerstagabend.

Ich werde es mir wahrscheinlich nicht anschauen und ab Freitag untertauchen und mir einen neuen Namen zulegen (da ich, und einige stimmen mir durchaus zu, doch neurotischer zu sein scheine als ich dachte ;-)). Weiß noch nicht so genau…

ERZÄHLEN tue ich an anderer Stelle mehr, hier nur ein paar Fotos von der (aufregenden, schönen und auch anstrengenden) Zeit:

Und hier noch der Soundfile vom Grundstein Lydias Gesangskarriere!

Eine Unterhaltung mit Lydia am Bahnsteig

Gerade in meinen Notizen gefunden (November 2009 in Hannover). Soldaten warten auf den selben Zug wie wir.

L: Was sind die?
M: Soldaten.
L: Was machen die hier?
M: Die fahren zur Arbeit.
L: Ich hab Angst.
M: Warum?
L: Wollen die mich töten?
M: Nein, dich nicht.
L: Vielleicht die Tauben?
M: Guck mal, die haben doch gar keine Waffen dabei.
L: Die haben sie bestimmt in ihren Taschen.
M: Nein, glaube ich nicht. Vielleicht bei der Arbeit.
L: Was machen die denn bei der Arbeit?
M: Hmmm… üben.
L: Was üben?
M: …………………..MENSCHEN TÖTEN?

Kann mir jemand sagen, wie man einem Kind, das sich nicht verkackeiern lässt, erklärt, was ein Soldat bei der Arbeit macht?

Ein Moment im Leben.

Heute Morgen saß ich im Warteraum der neuen Mikrobiologie, um mir Blut abnehmen zu lassen, tja man wird älter, als plötzlich die Sonne aufging. Na ja, die Sonne schien schon fleißig, das ist hier normal; ich meine es natürlich anders.

Man hörte auf einmal Schritte im Treppenhaus und einen Mann, der sang. Singend betrat er den Warteraum und sagte “ihr hättet die Praxis im Erdgeschoss aufmachen müssen, hört mal, ich bin 88 Jahre alt!” Und strahlte mit der Sonne um die Wette. Ich konnte nicht umhin, zurück zu strahlen. Ehrlich, ich saß da auf dem Wartesofa und strahlte ihn an und dachte dabei, Mensch, wie dämlich sieht das denn aus. Du kennst den ja nicht mal. Aber ich konnte nicht anders.

Er sagte etwas zu einer älteren Dame, die um die Ecke saß und ihn daraufhin fragte, wie alt ist denn XY (leider konnte ich es nicht genau hören). Darauf meinte er, XY sei schon 102 und im übrigen plane er 200 zu werden. So wie er aussah ist er auf dem besten Wege dorthin. Zu mir sagte er dann mit einem breiten Grinsen, tja, er sei zwar alt, aber das wäre ja noch lange kein Grund, mit herunter gezogenen Mundwinkeln herum zu rennen, oder?

Ich stimme ihm vollkommen zu. Und werde alles, was mit herunter gezogenen Mundwinkeln herum rennt und mich mit Beschwerden zutextet, radikal aus meinem Leben entfernen. Ich brauche positive Energie, und die hat mir der Mann für mindestens einen Tag genug gegeben.

Erstaunlich, selten und schön. In einer griechischen Arztpraxis.

PS – bevor mich jemand hier falsch versteht: ich meine die ewigen Meckerer, niemals liebe Freunde mit echten Problemen, denen ich gern zur Seite stehe, wie mir auch viele Menschen in dunklen Stunden zur Seite gestanden haben.