Der 11. August.

Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Nur noch wenige Tage, genau genommen 4, bis zum 15. August. Ihr seht, ich kann rechnen.  4 Tage bis zum “schrecklichsten Tag des Jahres”, und dieses Jahr habe ich sogar richtig Schwein. Der fällt nämlich auf einen Sonntag, und da habe ich frei. Oder wiederhole ich mich vielleicht?

Leider hat die Krise nicht dafür gesorgt, dass während der Hochsaison weniger Idioten kommen, so dass ich im Schnitt täglich mit 70% himmelschreiend dummen, egoistischen oder bloß nervigen, etwa 20% unauffälligen und 10% besonders netten Leuten zu tun habe. Wenn ich mit Letzteren zu tun habe bin ich natürlich umso dankbarer. Wie einfach und schön ist es doch, wenn andere Menschen freundlich, höflich, umgänglich und verständnisvoll sind, vielleicht sogar noch humorvoll.

Was ich selbstverständlich nicht von meinen Kollegen erwarte, zumindest nicht den Kampflesben, denn die mobben mich bis mindestens Mittwoch durch, da sie mir wohl meinen freien Tag übel nehmen. So dass ich bis Mittwoch dabei bin, aufzuarbeiten, was am Sonntag geschehen ist, mein neuer Name Sherlock in allen Ehren. Denn warum mir eine Notiz hinterlassen, macht doch viel mehr Spaß, wenn die verantwortliche Rezeptionistin mal eben gar nicht mehr weiß, was los ist. Aber ich lasse mich davon nicht unterkriegen, denn ich habe meine eigenen Verbündeten. Mit allen Putzfrauen, dem Haussklaven sowie der Abendschicht, einer Freundin von mir, die neuerdings für uns arbeitet, sowie dem Chef komme ich ja bestens aus. Ach übrigens, der Chef hat wohl ein Machtwort gesprochen, denn der eine hundsgemeine Zimmerabschlepper, den ich letztens erwähnte, lasst sich bei mir entweder gar nicht mehr blicken oder aber er behandelt mich wie ein rohes Ei.

Aber um euch mal ein paar Beispiele zu geben, wiederhole ich hier mal ein paar hoteltypische Dialoge.

Beispiel a) “besonders nett und freundlich”:
Kunde kommt um die Ecke, netter Ami, und meint, ach übrigens, vielen Dank für die tollen Empfehlungen von gestern (ich falle fast vom Stuhl). Wir haben hier und dort sehr viel Spaß gehabt. (…) Woher kommst du überhaupt, usw., nettes Small Talk folgt.

Beispiel b) “hyperaktive Kampflesbe, sogenannte Kollegin”
Ich bin gerade am Telefon, da hält sie mir eine Quittung unter die Nase, die in den Ordner muss, und blafft mich an, ob die Putzfrau denn auch die Blumen ordentlich gießt. Ich nicke nur und versuche mich auf mein Telefongespräch zu konzentrieren. Leider habe ich es noch nicht raus, mit 2 Leuten gleichzeitig über verschiedene Dinge zu reden.

Beispiel c) “Athener Pack, besonders üble Sorte”
Das Zimmer kostet 70 Euro, dazu noch eine Rechnung aus der Bar von 4,50, Kunde schmeißt mir 50 Euro auf die Theke und schaut mich kühl an. Ich sage “es sind 70 Euro plus 4,50 aus der Bar” oder so ähnlich, worauf er mir 70 Euro hinschmeißt und sagt “ist gut so”. Nein, ich fordere auch noch die 4,50 ein, so geht es denn ja nun nicht, gell.

Beispiel d) “Hübsche Norweger mit geilen Bodies, aber Null Hirn”
Die Fähre fährt um 8.40h am Hafen ab, um 8.29h wecken sie den Chef per Telefon, damit sie bezahlen können, das Schild, sie mögen doch in der Cafeteria fragen, wenn keiner in der Rezeption ist, sehen sie wohl nicht. Ich habe ja das Hotel lediglich moderat zugepflastert mit Schildern, dass wir von 8.30h bis 24.00h Rezeption haben und sie sonst in der Cafeteria fragen sollen, aber sie können wohl nicht lesen. Als ich um 8.32 durch eben die Cafeteria, wo ich grad meine sogenannten Kollegen gefragt habe, ob ich etwas wissen müsse, worauf ich eh keine Antwort bekomme, nach oben komme, blaffen sie mich an, ich sei zu spät. Ich finde eher, sie sind zu spät mit Zahlen dran, wenn in 8 Minuten die Fahre fährt. Das wäre ja wohl auch den Abend davor gegangen, oder? Sogar bis Mitternacht!

Beispiel e) “Athener Pack II”
Checken aus um 13.30h, dabei ist Check-out 12.00h. Ich habe dazu erstens auch Zettel überall hängen, siehe oben, zweitens die strikte Order vom Chef, wie es das Gesetz sagt, jedem von nun an die nächste halbe Nacht zu berechnen, der zwischen 12.00 und 18.00h auscheckt. Sie sind überrascht und meinen, ich hätte doch gewusst, dass sie heute gehen. Was ich nicht gewusst habe, mich hat ja keiner informiert, Sherlock ist zwar klug aber hat noch keine hellseherischen Fähigkeiten, und mich zu der Bemerkung veranlasst “und WENN ich es gewusst hätte, ich bin ja nicht Ihre Babysitterin, es ist nicht meine Aufgabe, Sie zu wecken”. Worauf sie etwas pikiert fragen, ob es mein Hotel sei und woher ich komme. Als ich das meinem Chef hinterher erzähle, lacht er sich schlapp. Mein Chef steht bei sowas voll hinter mir.

Ok, ich will euch nicht mit weiteren Beispielen langweilen. Ach ja doch, eins noch.

Beispiel f), ich verliere langsam den Überblick, ein junger Schwede, Typ “Paranoiker”:
Sein Vater hatte das Zimmer voraus gebucht, und zwar hier vor Ort, mir eine Vor-Autorisierung per Kreditkarte gegeben und ich hatte die eine Quittung und der Vater die andere Quittung bekommen. Wie es sich gehört. Aber da der junge Mann nun kam und sein Zimmer voll cash bezahlte, war es nicht nötig, die Kreditkarte zu belasten. Nach dem Zahlen langte der junge Mann rüber und wollte mir meine Quittung abnehmen. Ich sagte, nein, das wäre meine Quittung, die andere hätte der Vater bekommen. Ja, aber, sagte er, dann könnte es ja sein, dass ich das Geld fürs Zimmer nochmal berechne. Ich schaue ihn mit großen Augen an und sage: du glaubst also allen Ernstes, dass du mir das Zimmer jetzt bezahlt hast und ich danach hingehe und die Kreditkarte deines Vaters belaste? Er: ja. Worauf ich entgegne, dass es ja sehr traurig sein muss, durch die Welt zu gehen und jeden anderen Menschen für einen Kriminellen zu halten.

Das sind nur einige wenige Beispiele, wir haben 50 Zimmer und ich habe täglich mit sehr viel mehr Menschen zu tun, als mir lieb ist. Vor allem mit den 70%. Als mein Kollege mir vorige Tage vorübergehend einen sehr großen Schraubenzieher in der Rezeption liegen ließ, fühlte ich mich sehr unwohl und sagte ihm: „das ist vielleicht keine gute Idee“.

Und nun ist es schon Abend, morgen ist schon der 12. und dann sind es nur noch 3 Tage. Irgendwie werden wir das schon überleben. Ohne mit dem Schraubenzieher auf jemanden loszugehen.

One thought on “Der 11. August.

  1. Hi Martina!
    Das war mal wieder ein sehr amüsanter Einblick in Deinen Arbeitsalltag. Es macht viel Spass, zu lesen, was in einem Hotel abgeht. Auch wenn es für Dich mehr bitterer Ernst ist.
    Heute ist der 13. August, ein Freitag! Sind die Griechen ähnlich abergläubisch wie wir?
    Ich bin es nicht, ich halte mich da eher an Murphy’s Gesetze: wenn etwas schiefgehen will, dann geht es schief. Egal an welchem Tag….

    Viele Grüße
    Herbert

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>